Image Image Image Image Image Image Image Image Image

2016 April

Programmtag „Kritik äußern und annehmen können“ beim Tagesspiegel

Eingetragen am 25.04.2016

25. April 2016 | By |

Der Umgang mit Kritik ist ein nicht ganz einfaches Thema …
… dem sich die 36 Teilnehmenden unseres Leadership Jahresprogramms an unserem Programmtag mit dem Titel „Kritik äußern und annehmen können“ stellten. Dabei erhielten sie Einblicke in unterschiedliche Kritikkulturen in Unternehmen, Behörden und Non-Profit-Organisationen und hatten Gelegenheit, eigene Fragen im offenen Austausch mit anderen Führungskräften zu diskutieren.

Wir danken Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegel und Herausgeber des kritisch-humorvollen Newsletters Checkpoint für die Gastfreundschaft und Einblicke in seine Sichtweisen und Erfahrungen im Hinblick auf Kritik wie auch unseren Gesprächspartner*innen:
– Jan Mücke, Geschäftsführer des DZV Deutscher Zigarettenverband
– Antje Siebenmorgen, Referatsleiterin u.a. für die Petitionsstelle im Bundespräsidialamt
– Ramona Pop, Fraktionsvorsitzende der Bündnis 90/Die Grünen Berlin
– Heinrich Strößenreuther und Kerstin Stark, Initiatoren des Volksentscheid Fahrrad in Berlin und
– Prof. Dr. Johannes Ludwig, Vorstand des Whistleblower-Netzwerk e.V.

Gerade der Austausch zum Thema Whistleblowing führte bei manchen zu der Erkenntnis, wie wichtig es ist, eine Kritikkultur in der eigenen Organisation zu ermöglichen, damit Whistleblowing erst gar nicht nötig wird.

Neues von unserem Projekt „Das Leben draußen“: Diskussion mit Inhaftierten der JVA Moabit über Ausgrenzung

Eingetragen am 19.04.2016

19. April 2016 | By |

„Richter, Polizisten, Vorstandsvorsitzende – alle hatten wir schon da. Aber dass die Inhaftierten nach 90 Minuten unserem Gast applaudieren, das hatte vor Patricia Carl noch niemand geschafft. Die Vorstandsvorsitzende im Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) e.V. hatte von der ersten Minute an die Teilnehmer der Gesprächsrunde in der JVA Moabit auf ihrer Seite, denn dem gewinnenden Lächeln und dem sympathischen Selbstbewusstsein der 1,22 m großen Frau kann sich niemand entziehen.
 

Patricia Carl, Vorstandsvorsitzende im Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) © Anna Spindelndreier für BKMF e.V.

Wir hatten Frau Carl gebeten, zum Thema „Ausgrenzung“ ihre eigenen ganz persönlichen Erfahrungen aus dem Alltag und der Verbandsarbeit wiederzugeben – und das tat sie dann auch. Angefangen von ihrem allerersten Schultag, der gleichzeitig auch ihre erste bewusste schmerzliche Wahrnehmung der eigenen Situation darstellte, bis hin zu den täglichen, meist gedankenlosen Äußerungen und Handlungen der Mitmenschen gegenüber Kleinwüchsigen.
 
 
In der anschließenden Diskussion drehten sich die Gesprächsthemen insbesondere um die Fragestellungen: Wie funktioniert Ausgrenzung und wer bestimmt darüber? Wann ist man kein Durchschnitt mehr? Wie entsteht Ausgrenzung in den Köpfen der Menschen? Der persönliche Umgang mit Ängsten, die Bereitschaft zur Toleranz und eine gesunde Neugier wurden dabei u.a. als kritische Erfolgsfaktoren identifiziert. Erkenntnisse aus einem Gespräch, an welches sich die Inhaftierten bei ihrer Rückkehr in ihren Alltag noch öfters erinnern werden …“

First Monday zum Thema Trans*Identität

Eingetragen am 07.04.2016

7. April 2016 | By |

Die einzige Krankheit, die beim Amtsgericht geheilt wird

Intensive, tiefgründige Gespräche führten unsere Teilnehmenden am letzten First Monday mit unseren Gesprächspartner*innen Justine, Esther, Mio, Ben, Sammy, Adrian und Lena – und waren besonders beeindruckt von der sozialen Kompetenz und Offenheit des Gesprächs. Denn die Gesprächspartner*innen haben in ihrem beruflichen und privaten Leben eine Herausforderung gemeistert, die sie nachhaltig definiert und immer prägen wird. Anders als Menschen die nie ihr Geschlecht in Frage stellen mussten, sind sie aus ihrer Perspektive bei der Geburt geschlechtlich falsch zugewiesen worden. Ihnen ist gemeinsam, dass sie erst im Laufe ihres Lebens zu ihrem wahrem Geschlecht gefunden haben und für medizinischen Angleichungen und gesellschaftliche Anerkennung kämpfen mussten: Sie sind trans* Menschen. Trans* steht dabei als Sammelbegriff für Transgender, transidente, transsexuelle, genderqueere und nicht-binär-identifizierte Menschen.

Man könnte meinen, wir lebten in einer Gesellschaft, die so aufgeschlossen und tolerant ist wie noch nie und dass Unterschiede, was Rollenerwartungen oder bestimmte Kleidungsstile angeht, weitgehend aufgehoben seien. Dass dies jedoch keinesfalls selbstverständlich ist – davon kann Justine ein Lied singen. In der Nachkriegszeit, als Menschen noch aufgrund ihrer Homosexualität ins Gefängnis kamen, wäre es unmöglich gewesen,  ihr schon immer empfundenes „Frau-Sein“ zu leben. Für das Umfeld wurde sie „als Mann gelesen“ und als solcher hat sie dann auch eine Frau geheiratet, ist Vater geworden und hat den gesellschaftlichen Erwartungen so weit wie möglich entsprochen. Dabei handelte es sich allerdings immer um eine „Kunstfigur“, so Justine, weil sie anderen ständig etwas vorspielen musste und nicht natürlich und authentisch sein konnte.

Ihr Outing als Frau im Alter von 65 Jahren kam einem Befreiungsschlag gleich. Endlich konnte sie so leben, wie sie sich immer gefühlt hat. Dass der Prozess der Geschlechtsangleichung (Transition) erst relativ spät im Leben erfolgt, ist keine Seltenheit. Das gesellschaftliche Tabu und die Befürchtung, schief angeschaut zu werden oder das fehlende Bewusstsein, dass es noch andere gibt, denen es genauso geht, tragen dazu bei, dass relativ viele trans* Menschen sich erst spät für eine Transition entscheiden. „Hast Du aber Mut!“, gehört zu den wenigen positiven Rückmeldungen, die sie daraufhin bekommen. Dabei ist diese Zuschreibung gar nicht passend, so Sammy, die mit 45 den Schritt zum Outing als Frau unternahm. „Es ist ein Schicksal, dass wir uns nicht ausgesucht haben. Vor dem Coming Out muss man täglich viel Energie aufwenden, sich zu verstellen und immer im Hinterkopf haben, wem man was wo erzählt hat. Mit dem öffentlichen Rollenwechsel löst sich diese Spannung und man kann endlich man selbst sein.“

So einfach wie in Argentinien, Malta und in vier weiteren europäischen Ländern, wo trans* Menschen mit einem einfachen Gang zu den Behörden eine Geschlechtsangleichung und die entsprechende Namensänderung beantragen können, ist das in Deutschland bis heute nicht. Hierzulande benötigen trans* Menschen zunächst einmal zwei psychiatrische Gutachten, die bestätigen müssen, dass sie sich wirklich „dem anderen Geschlecht angehörig fühlen“ sowie eine 18-monatige Therapie, damit die Krankenkassen medizinische Behandlungen bewilligen.

„Was macht für Sie das Mann-Sein oder Frau-Sein – unabhängig von physischen Merkmalen – aus?“, so lautet eine beispielhafte Frage im Gutachter-Gespräch,  der sich unsere teilnehmenden Führungskräfte im Rollenspiel stellten. Dadurch wurde begreifbar, wie demütigend und von Willkür geprägt solche Gutachten sind. Darf eine Frau ein Faible für Technik haben und z.B. gerne am Motorrad herumschrauben? Selbstverständlich, würde wohl jeder sagen. Äußert sich allerdings eine trans* Person, die  sich ein Leben lang als Frau gefühlt hat derartig im psychologischen Gespräch, sieht die Bewertung möglicherweise schon anders aus.

Das Beispiel zeigt eindrücklich, wie viel Handlungsbedarf noch besteht, um die gesellschaftliche Diskriminierung von trans* Menschen zu beseitigen. Man stelle sich nur einmal vor, Schwule und Lesben müssten sich einer psychiatrischen Begutachtung und Therapie stellen, bevor sie offen als homosexuell leben dürften. Genauso absurd wie diese Vorstellung werden uns vermutlich in einigen Jahrzehnten der heutige Umgang und die bestehenden Hürden für trans* Menschen vorkommen. „In den Augen von Medizin und Behörden sind wir „krank“ und unsere „Krankheit“ wird unter der Diagnose F 64.0 im ICD aufgeführt“, so Justine. „Immerhin ist es die einzige Krankheit, die beim Amtsgericht geheilt werden kann“ fügt sie schmunzelnd hinzu. Denn mit der behördlich bescheinigten „rechtlichen Geschlechtsangleichung“ ist der Umstand, sich im falschen Geschlecht zu fühlen, ja weggefallen.

Lobby-Arbeit zum Abbau von gesetzlichen Hürden und Stärkung der gesellschaftlichen Akzeptanz sowie Normalität im Umgang mit trans* Menschen ist allen Betroffenen daher ein wichtiges Anliegen. Dennoch treten nur wenige trans* Personen in der Öffentlichkeit für ihr Thema und eine Verbesserung der Situation ein. Trans* Menschen haben sich häufig über Jahrzehnte nichts sehnlicher gewünscht, als endlich entsprechend ihrem schon immer gefühlten Geschlecht zu leben und „gelesen“ zu werden, da ist es verständlich, dass die allermeisten nach der Transition einfach nur als Mann oder Frau betrachtet und behandelt werden wollen und nicht auf ihr „trans* Sein“ begrenzt werden wollen. Gründe liegen auch in Mobbing und Diskriminierung, die viele trans* Menschen schon lange ertragen mussten und denen sie aus dem Weg gehen wollen. Trans* Frauen (Frauen, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden) sind übrigens weltweit die Gruppe mit dem höchsten Risiko, ermordet zu werden.

„In der Öffentlichkeit werden mitunter Personen wie die österreichische Grand-Prix-Sängerin „Conchita Wurst“ mit Transidentität oder Transsexualität in Verbindung gebracht“, so Sammy. „Auf die Idee, Frauenkleidung und einen Bart zu tragen, käme allerdings niemand von uns. Die meisten von uns wollen gar nicht auffallen, sondern auch von außen ganz eindeutig dem Geschlecht zugeordnet werden, als das wir uns fühlen.“ Für trans* Menschen ist es häufig das soziale Umfeld, das den Prozess der Transition zu einem Problem macht. Als besonders problematisch empfinden trans* Menschen dabei, wie häufig Menschen die Hürden von Anstand und Privatsphäre missachten und z.B. danach gefragt wird, ob man „umoperiert“  sei. „Kein normaler Mensch käme auf die Idee, andere nach der Beschaffenheit seiner/ihrer Geschlechtsorgane oder auch nach der Farbe der Unterwäsche zu fragen – bei uns hingegen gehört diese Frage neben der Frage nach dem früheren Namen zum Standardprogramm“, berichtet Mio.

Die Fähigkeit, mit solchen Fragen umzugehen, ist eine der charakterlichen Stärken, die trans* Menschen auszeichnen. Dazu gehört auch das Talent, die Welt sowohl aus weiblicher wie auch aus männlicher Sicht zu sehen und für beide Sichtweisen Verständnis zu haben. Oder auch, nicht so schnell Vorurteilen gegenüber anderen Menschen zu verfallen, da man in der eigenen Wahrnehmung alles schon einmal hinterfragt und für sich neu und bewusst definiert hat. Alle diese  Fähigkeiten, die in einem mitunter schwierigen und von biografischen Brüchen geprägten Prozess erworbenen wurden, können trans* Menschen gewinnbringend in ihr Arbeitsumfeld einbringen.

Dass diese Eigenschaften nicht nur Wunschdenken sondern Realität sind, davon erlebten unsere teilnehmenden Führungskräfte überzeugende Beispiele. Umso bedauerlicher ist es, dass viele trans* Menschen aus Angst vor Mobbing und fehlender Akzeptanz während des Prozesses der Transition die Arbeitsstelle aufgeben. Viele fallen auch aufgrund ihrer mitunter nicht geradlinigen Biografie oder einer Auswahl aufgrund von Bewerbungsfotos „durchs Raster“.

Dass es sich lohnt und wichtig ist, daran etwas zu ändern, davon überzeugten uns Justine, Esther, Ben, Mio, Sammy, Adrian und Lena. Daher werden wir auch zukünftig einen Austausch mit trans* Menschen in unser Leadership-Jahresprogramm aufnehmen und versuchen, trans* Menschen als „Botschafter*innen“ für mehr Fachwissen, weniger Berührungsängste und verstärkte Akzeptanz beim Thema Transidentität mit Personalabteilungen in Unternehmen, Behörden und Non-Profit-Organisationen in Kontakt zu bringen.

Wir freuen uns über Rückmeldung von Personaler*innen, die Interesse haben und bereit sind, sich anhand eines Nachmittagstermins mit zwei bis drei trans* Menschen selbst ein Bild von den Herausforderungen in diesem Thema zu machen.

Bedanken möchten wir uns bei unseren Gesprächspartner*innen sowie bei Vera Fritz, Berater*in im Sonntags-Club und Mitinitiator*in des Projektes „Trans*Job Mentoring“, einem gemeinsamen Projekt von Transinterqueer  e.V. und Sonntags-Club e.V., die dieses Treffen organisiert hat und als Ansprechpartnerin für Unternehmen und Interessierte gerne zur Verfügung steht.

Kontakt:

Vera Fritz
Sonntags-Club e.V.
Greifenhagener Str. 28
10437 Berlin
Tel +49 30 4497590
Vera.Fritz@sonntags-club.de

 

Weitere Infos:

www.sonntags-club.de
http://www.transinterqueer.org/download/Publikationen/TrIQ-ABC_web%282%29.pdf
https://www.berlin.de/lb/ads/schwerpunkte/lsbti/materialien/transgeschlechtlichkeit /