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2016 Oktober

„Das Leben draußen“ – Gespräch mit Inhaftierten über Verantwortung

Eingetragen am 18.10.2016

18. Oktober 2016 | By |

Ist Verantwortung gleichzusetzen mit Verantwortlichkeit? Wie viel Verantwortung kann ich abgeben? Wie schwer wiegt Verantwortung, wenn es um Leben und Tod geht?

Wrede_FriedrichMit Dr. Friedrich Wrede als Gast beleuchteten Dieter Geuss und Crispin Hartmann gemeinsam mit den Inhaftierten der JVA Moabit diese und viele andere Fragen zum Thema Verantwortung zunächst aus der Perspektive eines Humanmediziners. Als ehemaliger Leiter der Unfallchirurgie im DIAKO Krankenhaus Flensburg war Dr. Wrede bis 2006 oft gefordert, schnelle oder grundlegende Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen zu treffen.

Verantwortung meint einerseits die Pflicht, dafür zu sorgen, dass (in bestimmten Situationen) das Notwendige und Richtige getan wird und kein Schaden entsteht. Andererseits aber auch die Verpflichtung, für seine Handlungen einzustehen und ihre Folgen zu tragen, sollte es doch zu einem Schaden gekommen sein.
Exakt diesen Gesprächsbogen spannten wir in den 90 Minuten auf und ernteten am Ende auch noch den Applaus der Gefangenen.

Dr. Wrede beschrieb eingangs, wie man als Arzt an die Verantwortung herangeführt wird. Alles beginnt mit einer umfangreichen Ausbildung, dann assistiert man zunächst bei Operationen, führt später selbst kleinere Eingriffe durch um schlussendlich selbst der verantwortliche Operateur im Saal zu sein. Die Verantwortung – als Arzt wie auch im richtigen Leben – kommt nicht auf einen Schlag. Jeder wird, mehr oder weniger schnell, an sie herangeführt.

Zunehmend aber, so Dr. Wrede, wird die Verantwortung abgegeben: Entschieden früher häufig die Mediziner, wann welcher Eingriff noch sinnvoll, lebensverlängernd und lebenswerterhaltend ist, so wird diese Verantwortung mittlerweile auf die Patienten übertragen. Der Arzt klärt richtigerweise umfangreich über mögliche Erfolgs- und Heilungschancen sowie die Risiken und Nebenwirkungen einer OP auf – die Entscheidung für oder gegen den Eingriff aber trifft der Patient. Kommt es dann zu so genannten „Kunstfehlern“, so entscheiden in der Regel die Krankenhaus- und Patientenanwälte über den Grad der Verantwortung. Das erschwert dem Arzt die Verantwortung zur Wahrheit.

Insbesondere die Ehrlichkeit und offene Art von Dr. Wrede beeindruckte die Inhaftierten nachhaltig. Er gestand Fehler ein, übernahm dafür seinerzeit aber die Verantwortung und berichtete von seinen inneren Konflikten bei schwierigen Entscheidungen. Einige Inhaftierte versicherten daraufhin glaubhaft, auch für ihre Fehler nun die Verantwortung übernehmen zu wollen.

Zum Abschluss berichtete Dr. Wrede über sein derzeitiges ehrenamtliches Engagement im Bundesverband von Seniorpartner in School (SiS) e.V. als 1. Vorsitzender. Bei SiS werden Senior*innen zu Mediator*innen ausgebildet, die in Schulen den Kindern und Jugendlichen helfen, ihre Konflikte gewaltfrei zu lösen. „Im Grunde“, so Friedrich Wrede, „bringen wir den Schülerinnen und Schülern in gewisser Weise auch Verantwortung bei.“ Auf seine Frage, ob denn SiS als hilfreich angesehen wird, antwortete ein Inhaftierter: „Wäre damals jemand von SiS da gewesen, dann wäre ich nicht hier gelandet!“

Diversity in Leadership – jedem Ende wohnt ein Anfang inne…

Eingetragen am 12.10.2016

12. Oktober 2016 | By |

Mit unserer Abschlussveranstaltung im Goldberger Saal des VBKI endete am 10. Oktober unser diesjähriges Leadership-Jahresprogramm. Die Absolvent*innen zogen Resümee über die gemeinsam absolvierte „Learning Journey“ mit Begegnungen mit den unterschiedlichsten Akteuren der Stadtgesellschaft. Den Abschluss bildete ein Austausch mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der sich inmitten der Koalitionsverhandlungen die Zeit für ein Hintergrundgespräch mit unseren 36 Teilnehmenden nahm.

Als ein konkretes Ergebnis unseres diesjährigen Leadership-Jahresprogramms gründete sich am Nachmittag außerdem der Verein „Führungskräfte mit Behinderung“, dessen Zusammenkommen wir mit Janis McDavid und Gerd Kirchhoff wir initiierten und begleiteten. Der Verein soll zukünftig eine Austauschplattform für Führungskräfte mit Behinderung sein und dem häufig in erster Linie „defizitären Blick“ auf Behinderung wirksam etwas entgegensetzen. Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg wünschen wir den Gründungs-Vorstandsmitgliedern Dr. Peter Sdorra, Sascha Lang, Christian Habl und Detlef Kahl und den sieben weiteren Gründungsmitgliedern des Vereins.

Interessierte erreichen den neu gegründeten Verein unter den Kontaktdaten von Dr. Peter Sdorra, Richter am Kammergericht, Hauptvertrauensperson der schwerbehinderten Richterinnen und Richter des Landes Berlin und Vorstandsvorsitzender von „Führungskräfte mit Behinderung“.

Führungskräfte mit Behinderung e.V. i.Gr.
c/o Dr. Peter Sdorra
Kammergericht Berlin
Elsholtzstr. 30-33
10781 Berlin

Tel.:     0175- 2490012
Mail:    petersdorra@t-online.de

Wir danken dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) und der IHK Berlin für ihre Gastfreundschaft und Frau Petra Gothe, Vizepräsidentin des VBKI für die schönen Begrüßungsworte!

Expedition Polen – Leadership Learning Journey ins unbekannte Nachbarland

Eingetragen am 05.10.2016

5. Oktober 2016 | By |

Als Nachbarn, mit dem man Tür an Tür lebt, den man aber doch kaum kennt, könnte man Polen und mehr noch die westliche Region um die Stadt Poznan aus Sicht vieler Berliner*innen bezeichnen.

Um dies zu ändern, unternahmen wir mit 13 Berliner Führungskräften am 23./24. September eine zweitägige Leadership-Exkursion nach Poznan. Die polnische Regionalhauptstadt hat 580.000 Einwohner (mit dem Umland ca. eine Millionen), wird von Polen als die Geburtsstadt der polnischen Nation betrachtet und liegt auf halber Strecke zwischen Berlin und Warschau.

IMG_2297Neben Einblicken in die polnische Küche, einer Stadtbesichtigung durch unseren aus Frankfurt/Oder kommenden Reiseleiter Dieter Krawczynski und von so einigen begeistert zum Shopping genutzten Freizeit, erlebten die Teilnehmenden von Leadership Berlin und Leadership Brandenburg vielschichtige Einblicke in die drei gesellschaftlichen Sektoren in Posen:

Der öffentliche Bereich:
Bei einem Besuch im Rathaus tauschten wir uns mit dem Regierenden Bürgermeister Jacek Jaskowiak und dem Leiter der Investitionsbehörde Marcin Przylebski aus, die beide zeitweise in Deutschland lebten und beide gut Deutsch sprechen. Für Erstaunen sorgte insbesondere, dass in Poznan mit einer Arbeitslosenquote von nur 2% nahezu Vollbeschäftigung herrscht und die Ansiedlung von Wirtschaftsunternehmen als das geringste Problem erscheint. Was ebenfalls für uns überraschend war, wie wenig Bereiche nach dem Ende des Sozialismus in der Daseinsvorsorge in den privatwirtschaftlichen und Non-Profit-Bereich übertragen wurden. So wurden weder Energieversorgung noch Wasser oder Entsorgungswirtschaft in privatwirtschaftliche Hand gegeben, noch wurden Seniorenheime und Kitas an gemeinnützige Organisationen übertragen.

Einen interessanten Unterschied wollen wir an dieser Stelle kurz skizzieren: Jacek Jaskowiak berichtete über die Problematik, dass viele Menschen ins Umland ziehen und die Straßen dem zunehmenden Autoverkehr insbesondere zu den Stoßzeiten nicht mehr gewachsen sind. Daher ist sein Anliegen insbesondere der Ausbau von Fahrradwegen und öffentlichen Verkehrsmitteln. Als wir ihm berichteten, dass in Berlin zivilgesellschaftliche Organisationen die Politik und Verwaltung in Bezug auf einen Ausbau des Fahrradinfrastruktur „vor sich hertreiben“ und „ärgern“, meinte er, dass es bei ihm genau umgekehrt sei: die Politik und Verwaltung arbeitet an einem massiven Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur und es ist die Gesellschaft, die nicht so leicht davon zu überzeugen ist – ein Eindruck, den wir nach Gesprächen mit Taxifahrern und einem Abendessen mit den deutschsprachigen Kunden der Business-Sprachschule „Be Better Club“ bestätigen können…

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Der privatwirtschaftliche Bereich:
Wir besuchten den deutschen Unternehmer Gerold Voss, der mit einem Tischlereiunternehmen vor 16 Jahren in Poznan begann, in den letzten Jahren ein Gesundheitszentrum aufbaute und derzeit die Errichtung eines Seniorenheimes plant. Die Einblicke in das polnische Gesundheitssystem und die Planungssicherheit für Unternehmen war für alle Teilnehmenden etwas ernüchternd. Gerold Voss versucht nichtsdestotrotz eine Lücke zu finden und zu füllen, indem er in dem geplanten Seniorenheim Zimmer verkauft und die Pflege dann verhältnismäßig günstig hinzugekauft werden kann. Dies ist insofern für viele eine Option, da die Eigentumsquote in Polen eine der höchsten weltweit ist, weil nach der Wende das Eigentumsrecht für Mietwohnungen an die Bewohner übertragen wurde und alte Menschen insofern heute zwar kaum eine Rente, wohl aber häufig eine Eigentumswohnung haben, die sie verkaufen bzw. gegen ein Zimmer im Seniorenwohnheim tauschen können. Auch beim Personal will Gerold Voss neue Wege zu gehen, indem er polnischen Pflegekräfte als Alternative zu einem schlecht bezahlten Job in Polen und einem nicht ganz so schlecht bezahlten außerhalb der Heimat eine Mischform anbieten möchte. Die Pflegekräfte könnten ihren festen Arbeitsplatz in Poznan haben, allerdings pro Jahr auf drei Monate befristet in einer deutschen Partnereinrichtung eingesetzt werden.

Interessant aus deutscher Sicht war im Übrigen der Umstand, dass polnische Pflegekräfte zu einem größeren Teil ins westliche Ausland abgeworben wurden und die Polen ihrerseits mittlerweile massiv Pflegekräfte aus der Ukraine abwerben. Oder auch der Umstand dass, während man sich in Deutschland darüber aufregt, dass amerikanische Unternehmen wie Starbucks und Amazon in Deutschland zwar hohe Umsätze erzielen, aber nahezu keine Steuern zahlen, in Polen der gleiche Unmut über deutsche Unternehmen herrscht. Die aktuelle PiS-Regierung diskutiert eine umsatzabhängige Supermarktsteuer, die insbesondere auf Aldi und Lidl abzielt.

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Der Non-Profit-Bereich:
Der Non-Profit-Bereich in Polen ist weit weniger etabliert und professionalisiert als in Deutschland. Während in den ca. 700 Mitgliedsorganisationen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin über 50.000 Hauptamtliche beschäftigt sind, arbeiten in den 200 Mitgliedsorganisationen des Dachverbandes der Nichtregierungsorganisationen WRK laut deren Vorsitzender Justyna Ochedzan nur um die 100 Hauptamtliche. Im Austausch mit Justyna Ochedzan und anschließenden Gesprächen wurde deutlich, wie wichtig zivilgesellschaftliche Organisationen und deren unabhängige Finanzierung für eine Demokratie sind. Gerade im Hinblick auf Non-Profit-Organisationen wurde deutlich, dass die in Deutschland von diesem Sektor übernommenen Aufgaben in Polen entweder in den Familien geleistet werden (z.B. Betreuung von Kindern und Senioren), sie direkt vom Staat geleistet werden, es sie schlicht nicht gibt oder eben nur zu einem ganz kleinen Teil von der Katholischen Kirche oder von Non-Profit-Organisationen übernommen werden.

Außerdem wurde deutlich, wie wichtig die EU und ihre Programme gerade für die Entwicklung einer organisierten Zivilgesellschaft– insbesondere für politische NGOs – sind und welch positiven Einfluss Partnerschaften zwischen deutschen und polnischen NGOs haben. Die sprachlichen Hürden sind zwar mitunter gegeben, allerdings ist das Bildungsniveau der äußerst wettbewerbsorientierten Schulen sehr hoch, sodass man zumindest auf gute Englischkenntnisse setzen kann.

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Auf persönlicher Ebene…
lernten wir polnische Unternehmer*innen, Rechtsanwält*innen, Angestellte im öffentlichen Dienst und Leiter*innen von gemeinnützigen Organisationen bei einem gemütlichen Abendessen kennen und konnten sie zu allen Themen, die uns interessierten, ausfragen. Dieser ganz persönliche Kontakt war ein besonderer Gewinn und hat uns die Menschen im Nachbarland noch einmal auf intensive Weise nahe gebracht.

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Das Thema Politik …
fehlte natürlich auch nicht bei den zahlreichen Gesprächen mit unseren polnischen Gesprächspartner*innen. Die rechtskonservative PiS-Regierung tauscht derzeit auf Basis entsprechender Gesetzesänderungen in massivem Umfang Richter*innen, führende Verwaltungsangestellte, Direktor*innen in den öffentlich-rechtlichen Medien und Führungskräfte in öffentlichen Unternehmen aus. Wir hörten so einiges darüber, wie einschüchternd sich dies auf die freie Meinungsäußerung auswirkt, zu der sich manche Gesprächspartner*innen auch nur hinter vorgehaltener Hand trauten. Ihren Wahlerfolg verdankte die PiS-Partei übrigens insbesondere zwei Wahlversprechen:

– zum einen einem Kindergeld in einer Höhe, die das Durchschnittseinkommen bei drei Kindern um ca. 50% erhöht
– zum anderen, dass alte Menschen ab 75 Jahren kostenlos Medikamente erhalten (die bis jetzt alle Menschen selbst finanzieren mussten, so sie es denn konnten)

Ob sich dies auf Dauer finanzieren lasse, sahen einige skeptisch. Andererseits hat Polen seit Jahren ein stabiles, weit über dem deutschen Level liegendes Wirtschaftswachstum. Und während Deutschland mit einer Staatsverschuldung von 71% im Verhältnis zum BIP die Maastricht-Kriterien von maximal 60% für einen Beitritt in die Euro-Zone heute nicht schaffen würde, liegt Polen mit einer Staatsverschuldung mit 50,3% im Verhältnis zum BIP noch deutlich darunter.

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Fazit:
Wie auch die weitere politische und wirtschaftliche Entwicklung in Polen aussehen mag – wir sehen in der aktuellen politischen Situation nicht einen Grund weniger, sondern einen Grund mehr für einen Austausch zwischen Führungskräften aus Berlin/Brandenburg und Poznan/Wielkopolska.

Momentan sieht es danach aus, dass wir eine solche 2-Tages-Leadership-Exkursion im September 2017 wiederholen werden. Wir möchten aber auch unabhängig von unseren Aktivitäten dazu ermutigen, Poznan zu besuchen und in einen Austausch mit polnischen Führungskräften zu gehen. Es lohnt sich und die Auseinandersetzung mit „dem anderen“ birgt auch immer viele Erkenntnisse für die eigenen Herausforderungen.

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Interessierten an einer unabhängigen 2-Tages-Tour nach Poznan (z.B. als Team-Building-Maßnahme oder als Vorstands-Exkursion) können wir übrigens gerne unseren Reiseleiter und Stadtführer Dieter Krawczynski empfehlen. Wir danken darüber hinaus ganz besonders Barbara Barlog, Geschäftsführerin der Business Sprachschule „be better club“ für die Organisation des Abendessens mit polnischen Führungskräften und Angelika Menze, der Geschäftsführerin des Deutsch-Polnischen Wirtschaftskreises in Poznań für die Unterstützung bei der Gewinnung von Gesprächspartnern.