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meet2respect

Schulbesuche von Imamen und Rabbinern

1. Problemstellung:
Intoleranz gegenüber Andersgläubigen

Ein trauriges Beispiel für Antisemitismus ist der Überfall im August 2012 auf den Rabbiner Daniel Alter. Auf dem Nachhauseweg mit seiner siebenjährigen Tochter wurde er von vermutlich arabischstämmigen Jugendlichen mit den Worten „Bist Du Jude?“ angesprochen. Nachdem Daniel Alter dies bejahte, prügelte die Gruppe ihn vor den Augen seiner Tochter bis ins Krankenhaus.

Fast 70 Jahre nach Ende des Holocaust gibt es mit ca. 120.000 Menschen jüdischen Glaubens wieder einen zwar geringen, aber doch nennenswerten jüdischen Bevölkerungsanteil in Deutschland. Angesichts der deutschen Geschichte kann man dies als durchaus positives Zeichen sehen, allerdings wird dieses positive Bild dadurch getrübt, dass jüdisches Leben in Deutschland keineswegs angstfrei verläuft. Jüdische Menschen verzichten aus Angst vor Übergriffen auf das Tragen religiöser Symbole wie der Kipa in der Öffentlichkeit, Vertreter jüdischer Organisationen erhalten regelmäßig Hassmails bis hin zu Morddrohungen und jüdische Einrichtungen wie Synagogen, Museen oder Schulen kommen nicht ohne dauerhaften Polizeischutz aus.

2. unser Ansatz:
Unterrichtsbesuche und weitere Begegnungen für Respekt und gegen Diskriminierung

Im gesellschaftsorientierten Führungskräfte-Programm des gemeinnützigen Vereins „Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung e.V.“ begegneten sich der Rabbiner und Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde, Daniel Alter und der Imam in vier Berliner Moscheegemeinden, Ferid Heider und es entstand die Idee, unter dem Dach von Leadership Berlin regelmäßig gemeinsame Schulbesuche von Imamen und Rabbinern zu organisieren, bei denen sich beide in mehrheitlich muslimischen Schulklassen gegen Gewalt und Diskriminierung Andersgläubiger aussprachen.


Ender Cetin, islamischer Theologe und Vorstandsvorsitzender der Sehitlik-Moschee und Rabbi Daniel Alter, Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Seit 2013 organisieren wir in diesem Gedanken Unterrichtsbesuche und weitere Begegnungen, bei denen sich ein Rabbiner und ein Imam gemeinsam für ein gewaltfreies, tolerantes Miteinander der Religionen und gegen Diskriminierung aufgrund von Religionszugehörigkeit aussprechen.
Die Schulbesuche finden in Schulklassen mit hohem Anteil von Schüler/innen mit muslimischem Hintergrund oder sogar direkt in dem von der Islamischen Föderation organisierten Islamunterricht an Berliner Schulen statt.

Der Imam bzw. muslimische Vertreter tritt dabei in einer Art Fürsprecher-Funktion für den Rabbiner auf und die beiden liefern gemeinsam ein die Schüler/innen beeindruckendes Beispiel ab, dass sich Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtung tolerieren, respektieren und mögen können und dass sich aus Sicht der Religionsvertreter des muslimischen wie auch jüdischen Glaubens Ablehnung und Gewalt gegenüber Andersgläubigen nicht rechtfertigen lässt.


Imran Sagir, Geschäftsführer des Muslimischen Seelsorge-Telefons und Rabbi Daniel Alter bei einem Schulbesuch in der Otto-Wels-Grundschule in Kreuzberg. 19 der 21 Schüler/innen der besuchten 6. Klasse waren muslimischen Glaubens.

Neben Unterrichtsbesuchen von Rabbinern und Imamen in überwiegend muslimischen Schulklassen mit dem Schwerpunkt-Thema „Antisemitismus“ planen wir auch gemeinsame Unterrichtsbesuche von Imamen und Pfarrern im christlichen Religionsunterricht. Hier soll einer pauschale Ablehnung von Islam, „den Muslimen“ bzw. „dem Fremden an sich“ und eine Gleichsetzung von Islam und islamistischem Terror entgegen gewirkt werden.

3. Organisation der Begegnungen und Unterstützung bei der Durchführung

Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung e.V. bietet Schulen und Lehrkräften die Organisation von meet2respect-Unterrichtsbesuchen an. Die Auswahl der beteiligten Religionsvertreter wie auch die konzeptionelle Gestaltung der Unterrichtsbesuche erfolgt im Koordinierungskreis unseres Projektes meet2respect. Die konkrete Planung und Umsetzung erfolgt in Abstimmung mit den jeweiligen Ansprechpartner/innen in den Schulen und kann nach deren Anforderungen (z.B. Einbeziehung in Projektwochen) angepasst werden. Die Begegnungen finden idealerweise an zwei Terminen statt:

Termin 1: Besuch eines Zweierteams Imam-Rabbi in der Schulklasse

A Vorstellung und thematischer Impuls
Die beiden Religionsvertreter stellen sich vor und berichten über persönliche Diskriminierungserfahrungen.

B Fragen an die Schüler/innen bzgl. Diskriminierung
Die beiden Religionsvertreter fragen die Schüler/innen nach ihren Erfahrungen und Einschätzungen. Beispiele:
– Habt Ihr selbst schon einmal ähnliche Situationen erlebt, wo ihr beschimpft wurdet wegen Eurer Religion oder aus anderen Gründen?
– Gab es vielleicht auch in Eurer Schule oder sogar in Eurer Klasse schon so etwas?
– Was bewegt Menschen dazu, andere Menschen zu hassen aufgrund ihrer Religion, ihrem Herkunftsland, ihrer Hautfarbe oder ähnlichem?
– Was kann man tun, wenn man beschimpft oder angegriffen wird?
– Wer besucht „Gottesdienste“? Was fühlst Du da?

C Fragen an die beiden Religionsvertreter zu ihrer Religion
Die Schüler/innen stellen offen Fragen an die beiden Religionsvertreter/innen.
Beispiele:
– Was ist ein Rabbi und was sind die genauen Aufgaben?
– Was heißt halal und koscher?
– Warum gibt es getrennte Frauenbereiche in der Moschee?
– Sind Schönheitsoperationen, Tattoos, Nagellack und Rauchen erlaubt?
– Finden Sie das nicht ungerecht, wie die Juden mit den Muslimen in Israel umgehen?
– Wo kommt der Streit zwischen Juden und Muslimen her?
– Woher kennen Sie beide sich? Wie kann es sein, dass Sie sich gut verstehen und nicht streiten?

Termin 2: Besuch der Schulklasse in der Synagoge und/oder Moschee

Besseres Kennenlernen der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Religionen. Der Rabbiner und der Imam erklären die Grundwerte ihrer Religionen und heben die Gemeinsamkeiten hervor. Gerade das Alltagsleben von Muslimen und Juden im heutigen Deutschland wird beschrieben. Die Schüler/innen können grundsätzliche Fragen zu beiden Religionen stellen, vor allem, was sie schon immer fragen wollten.

4. Mitwirkende: beteiligte Religionsvertreter und Schulen

Rabbi Daniel Alter, Jahrgang 1959, ist in Frankfurt/Main geboren und aufgewachsen und seit 2006 als Rabbiner tätig. Im Jahr 2012 wurde er Opfer eines antisemitischen Überfalls, der bundesweite Aufmerksamkeit erweckte. Nichtsdestotrotz setzt sich Rabbi Daniel Alter für interreligiösen Dialog zwischen Juden und Muslimen und Christen ein und tut dies u.a. seit 2012 als Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde Berlin. Rabbi Daniel Alter wurde zusammen mit Imam Ferid Heider 2012 von Berlins Innensenator Henkel als Vertreter für die jüdische Seite zum Werte-Dialog in einer Spandauer Schule eingeladen, wo die beiden sich erstmalig begegneten.

Imam Ferid Heider, Jahrgang 1979, ist als Sohn eines irakischen Vaters und einer polnischen Mutter in Berlin geboren und aufgewachsen. Ferid Heider ist Prediger, Imam und Lehrer in mehreren Berliner Gemeinden (IZDB, IKEZ, NBS, Teiba Kulturzentrum, Bilal Moschee und der DMK), Dozent am Islamologischen Institut in Wien und Vorsitzender des Teiba Kulturzentrums in Spandau. Darüber hinaus engagiert er sich bei der Initiative Berliner Muslime (IBMus) und dem Rat Islamischer Zentren. Imam Ferid Heider wurde zusammen mit Rabbi Daniel Alter 2012 von Berlins Innensenator Henkel als Vertreter für die muslimische Seite zum Werte-Dialog in einer Spandauer Schule eingeladen, wo die beiden sich erstmalig begegneten.

Ender Cetin, Jahrgang 1976, ist als Sohn türkischer Gastarbeiter in Berlin geboren und aufgewachsen und hat in Berlin Erziehungswissenschaften und im Fernstudium in der Türkei Islamische Theologie studiert. Er ist seit 2004 Öffentlichkeitsreferent bei dem Landesverband DITIB-Berlin (Türkisch islamisch Union der Anstalt für Religion) und seit Juni 2011 Vorsitzender der Sehitlik Moschee der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Neukölln. Darüber hinaus hat er bei der Bundeszentrale für Politische Bildung eine Zusatzqualifikation als Dialogbegleiter absolviert und arbeitet in diesem Rahmen an zwei Brennpunktschulen in Neukölln. Im Rahmen von meet2respect organisiert Ender Cetin u.a. Führungen und Diskussionsveranstaltungen zum Thema Homophobie und Islamophobie mit dem Völklinger Kreis, Berufsverband Schwuler Führungskräfte, und dem Lesben- und Schwulenverband Berlin.


Mohammad Imran Sagir beim meet2respect-Unterrichtsbesuch mit Rabbi Daniel Alter

Mohammad Imran Sagir ist Jahrgang 1973, verheiratet und hat zwei Kinder.
Die kulturellen Wurzeln des gebürtigen Berliners liegen in Indien. Er ist Diplom-Betriebswirt, Kommunikations- und Verhaltenstrainer und Anti-Gewalt- und Kompetenztrainer. Einer der Schwerpunkte seines Engagements ist der Dialog und die Verständigung mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Imran Sagir ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Muslimischen SeelsorgeTelefons, das Ende 2008 in Kooperation von Islamic Relief Humanitäre Organisation in Deutschland e.V., dem Diakonischen Werk Berlin- Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. und dem Caritasverband des Erzbistums Berlin e.V. aufgebaut wurde und seitdem vielfach ausgezeichnet wurde, u.a. vom Bündnis für Demokratie und Toleranz, dem Berliner Präventionspreis oder dem Aspirin Publikumspreis. Imran Sagir wirkt u.a. im Beirat von Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung e.V. mit.

Wir danken den folgenden Schulen und den jeweiligen Schulleiter/innen, Lehrer/innen und Erzieher/innen, die Gastgeber für meet2respect- Begegnungen waren:

– Christian-Morgenstern-Grundschule (Spandau)
– Richard-Grundschule (Neukölln)
– Otto-Wels-Grundschule (Kreuzberg)
– Carl-Friedrich-von-Siemens-Oberschule (Spandau)
(Referenzen können auf Nachfrage jeweils genannt werden)