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Das Leben draußen – Glauben hinter Mauern

Martin_Stoelzel-Rhoden“Ich glaube nicht an die Allmächtigkeit Gottes!” – Der Satz von Pfarrer Martin Stoelzel-Rhoden gleich zu Beginn der Gesprächsrunde saß und zeigte seine Wirkung bei allen Anwesenden. Eigentlich waren wir doch zusammengekommen, um über Glaube zu sprechen? Und dann das!

Gerade der vermeintlich offensichtliche Widerspruch zwischen Wort und Tat (in diesem Falle eher zwischen Wort und Beruf) war der Grund, warum unser Gast des letzten Montags im Oktober von der ersten Sekunde an die ungeteilte Aufmerksamkeit der Inhaftierten genoss.

Als Krankenhausseelsorger und Leiter des ambulanten Hospizdienstes des Evangelischen Johannesstifts wird Martin Stoelzel-Rhoden häufig durch die Angehörigen mit der Frage nach dem Glauben konfrontiert – gerade im Hinblick auf schwierige Lebenssituationen.

Dem allmächtigen Gott stellt Pfarrer Stoelzel-Rhoden den mitleidenden Gott gegenüber, was er durch das Leiden Jesu am Kreuz in besonderer Weise verkörpert sieht. Gott hat in diesem Sinne am Kreuz mit dem Leiden Jesu das erlitten, was auch Menschen erleiden. Der Schrei Jesus „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“ ist ein Schrei, der rund um den Erdball leidende Menschen erreicht und berührt. Das Rezept für den Umgang erläutert Pfarrer Stolelzel-Rhoden einfach und pragmatisch: Der Glaube hat ein Zwillingsgeschwister – den Zweifel. Ohne Glaube kein Zweifel und insbesondere ohne Zweifel auch kein Glaube, z.B. an eine Verbesserung der aktuellen Lebensumstände.

Diese Sicht auf den Glauben sprach die Inhaftierten der JVA Moabit an. Ihrer Meinung nach glaubt man hinter den Mauern anders. Dort herrschen mehr Zweifel und gerade wegen der eingeschränkten Privatsphäre wird der Glauben stärker mit anderen Inhaftierten geteilt.

Glaube hat viele Gesichter – auch in der JVA. Einige der Inhaftierten glauben an ihre Unschuld, andere an die Rückkehr in ein normales Leben, die meisten aber tatsächlich daran, hier die Quittung für einen Teil des bisherigen Lebens zu erhalten. Einige wenige Gefangene der Gesprächsrunde glauben darüber hinaus nicht an die Wirksamkeit der Haft – ihrer Meinung nach sind die Bedingungen viel zu einladend, als das es eine abschreckende Wirkung auf sie hätte.

Zum Schluss löste Martin Stoelzel-Rhoden noch das Rätsel um seine Aussage zur Allmächtigkeit Gottes: “Der Mensch hat seinen eigenen freien Willen von Gott erhalten – deshalb ist er nicht mehr allmächtig.”