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„Das Leben draußen“: Engel ohne Flügel

03 Das Leben Draußen_Susanne Rehberg

Auch im Jahr 2017 setzen Dieter Geuss und Crispin Hartmann ihre Gesprächsrunde in der JVA Moabit weiter fort. Neues Jahr heißt auch wieder: Neue Gäste zu bekannten Themen. Traditionell startet der Dialog mit den Inhaftierten im Februar zum Thema „Ohnmacht“ mit einem Erfahrungsbericht aus der Hospizarbeit von Dieter Geuss. Dieses Mal allerdings haben sie sich für dieses Thema einen Gast geholt: Susanne Rehberg. Sie ist Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes der Volkssolidarität Berlin gGmbH.

Sussanne Rehberg und Ihre Kolleg*innen sind tagtäglich mit der Ohnmacht konfrontiert – insbesondere mit denen der Patient*innen, denn im Regelfall bleibt bei ihnen der Wunsch auf Heilung bis zum Schluss.
Ist das mal nicht der Fall, macht sich auch bei Susanne Rehberg Ohnmacht breit – wie im Falle der Mutter, die seinerzeit mit Mitte 30 unheilbar an Krebs erkrankt ist. Trotz intensiver Gespräche lehnte sie alle schulmedizinischen Therapien ab und verweigerte sich der Krankheit und der damit verbundenen unvermeidlichen Konsequenz vehement. Für sich genommen ist dies schon eine Herausforderung für die Mitarbeiter*innen im Hospizdienst. In diesem Fall aber kam Susanne Rehberg nahe an ihre Belastungsgrenze, denn dadurch war es faktisch nicht möglich, den damals 9-jährigen Sohn auf den Abschied von der Mutter vorzubereiten. Spätestens seit dieser Erfahrung ist für Frau Rehberg klar: „Ich würde keinen Kinderhospizdienst leisten können – da habe ich meine Grenze.“

Das Thema „Ohnmacht“ fesselte die Inhaftierten sehr – zum einen aus der Perspektive der Lebensbegleitung (Zitat Frau Rehberg: „Wir machen Lebensbegleitung. Die Menschen, die wir begleiten, leben schließlich!“), als auch in Bezug auf andere Situationen, denen man oftmals ohnmächtig ausgesetzt ist. Die Gefangenen interessierten sich daher vor allem für die Antworten auf Fragen, wie: „Inwieweit hat ihre Arbeit Einfluss auf ihre Ansprüche im Leben – und umgekehrt?“ oder auch „Welche Einstellung haben Sie zu Dingen, die sie nicht ändern können?“. Frau Rehberg beantwortete diese Fragen sympathisch offen und ehrlich: Sie hätte noch nie großen Wert auf materialistische Dinge gelegt – und der Beruf hat diese Einstellung nur noch verstärkt. In Situationen oder bei Ereignissen, die unabänderlich sind, konzentriert sich Frau Rehberg auf Kraftquellen – also Umgebungen, Erinnerungen, Lebensmomente und Erfahrungen, die ihr ein positives Gefühl vermitteln und aus denen sie Kraft schöpfen kann.

Einer der Inhaftierten bezeichnete die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen im Hospizdienst spontan als „Engel ohne Flügel“. Für ihn verfügen diese Menschen über Fertigkeiten und Fähigkeiten, zu denen die wenigsten unter uns fähig sind. Dieses Kompliment nahmen sowohl Susanne Rehberg als auch Dieter Geuss dankbar an. Susanne Rehberg verwies dabei auf die vielen ehrenamtlichen Helfer*innen, die in einem vierwöchigen Kurs auf ihre Arbeit vorbereitet werden. Die persönlich geeigneten Männer und Frauen, von Student*innen bis Rentner*innen, werden durch vielfältige Kurseinheiten auf ihre Arbeit vorbereitet. Beispielsweise verbringen die Helfer*innen tageweise im Krankenhaus, beim Bestatter, im Hospiz und beschäftigen sich mit Methoden der Kommunikation, Trauerbewältigung, Religions- und Kulturthemen. Denn: Auch Engel, ob mit oder ohne Flügel, brauchen Unterricht.