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Januar 2020 - Leadership Berlin

Politische Bildung im Strafvollzug: Medien und Meinungen

Eingetragen am 16.01.2020

16. Januar 2020 | By |

Mit dem Besuch in der Sozialtherapeutischen Anstalt der JVA für Frauen in Berlin-Neukölln von Michael Schmidt, dem stellvertretenden Ressortleiter Politik beim Tagesspiegel, wurde der Startschuss für das neu aufgelegte Projekt “Das Leben draußen” gegeben. In diesem Format bringt Klaus Baumeister, Medien-Justiziar und Geschäftsführer eines Medienunternehmens a.D. und Mitglied bei Leadership Berlin, gemeinsam mit unserem Team und in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Berliner Führungskräfte ins Gespräch mit inhaftierten Frauen.

Michael Schmidt bei einer Führung durch die Redaktionsräume des Tagesspiegels

Die Begegnungen sollen einen Austausch über gesellschaftsrelevante Themen und Fragestellungen ermöglichen, den Insassinnen einen differenzierten Blick auf Gesellschaft vermitteln und sie dadurch ermutigen, sich als Teil dieser zu betrachten. Gleichzeitig dient das Projekt dazu, den Führungskräften aus Privatwirtschaft, öffentlichem Sektor und dem Non-Profit Bereich einen Eindruck von Haftanstalten zu vermitteln und ggf. Vorurteile gegenüber straffällig gewordenen Frauen abzubauen.

Michael Schmidt gab zunächst einige Einblicke in die Entstehung einer Zeitung und erläuterte, welche Schritte nötig sind, um von einem Ereignis zur gedruckten Nachricht zu gelangen. Sogleich wurde nachgefragt, welche Kontrollmechanismen es gebe, um ein Medium vor parteinaher Berichterstattung zu schützen und der offene Austausch begann. Der Schwerpunkt der Diskussion lag auf dem Aspekt der Verantwortung von Zeitungen als meinungsbildendes Medium. Besonderes Interesse zeigten die Frauen daran, von einem Journalisten zu erfahren, was einen verantwortungsvollen Journalismus ausmache: Wie kann eine Balance gehalten werden zwischen Verkaufsdruck und den eigenen Werten?

Dieses Interesse rührte teilweise aus eigener Betroffenheit. Sabine Hüdepohl, Leiterin der Sozialtherapeutischen Anstalt und betreuende Psychologin, hatte gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass es bereits in der Ankündigung des Gesprächs mit Michael Schmidt zu einer durchaus emotionalen Diskussion kam, da einige der Klientinnen eine gewisse Skepsis gegenüber Journalist*innen hegen. Das ist in den teils schlechten Erfahrungen begründet, die einige Frauen mit der Presse gemacht haben, z.B durch unzureichende Anonymisierung ihrer Fälle in medialer Berichterstattung. Die öffentlichen Darstellungen hatten große Auswirkungen auf die Frauen und es wurde spürbar, dass einige noch heute unter den Stigmatisierungen leiden. An dieser Stelle war der juristische Input von Klaus Baumeister sehr hilfreich, der den Frauen die medienrechtlichen Grundlagen im Bereich der Kriminalberichterstattung vermittelte und sie ermutigte, für ihre Rechte einzustehen.

Sowohl unsere Referenten, als auch die Frauen zeigten sich nach dem Termin überrascht über die angenehme Gesprächsatmosphäre und die Offenheit. Dem Wunsch der Frauen, den Tagesspiegel zu beziehen, kam Michael Schmidt nach und organisierte ein Jahresabonnement für die SothA. Wenn sie die Wahl hätte, hätte sie zwar die Bildzeitung gewählt, aber durch das persönliche Kennenlernen des stellv. Ressortleiters Politik wolle sie dem Tagesspiegel doch mal eine Chance geben, so eine der Klientinnen verschmitzt.

Wir danken Michael Schmidt für die Einblicke und allen Teilnehmenden für das Interesse. Besonders danken wir der Berliner Landeszentrale für politische Bildung für die Kooperation bei der Durchführung der Veranstaltung am 25.11.2019.

First Monday im Januar – Berlin in einer Post Party Depression?

Eingetragen am 15.01.2020

15. Januar 2020 | By |

Wie verändern Gentrifizierungsprozesse die Berliner Clubkultur?

Bei unserer First Monday Begegnungsreihe, bei der wir Berliner Führungskräfte mit Akteur*innen der Stadt ins Gespräch bringen, standen im Januar die Wechselwirkungen zwischen Gentrifizierung und der Clubszene Berlins im Mittelpunkt.

Sascha Disselkamp ist als Betreiber des Sage-Clubs nicht nur Stakeholder in der Partyszene, sondern als Gründungsmitglied und heutiger Sprecher der Clubcommission auch ein politischer Akteur des Kulturbereichs und kämpft – wie viele andere – um Raum in der Stadt.

Die Herausforderungen, mit denen die Szene heute konfrontiert ist, sind heute natürlich andere als in den 1990er Jahren. Die Diskussion drehte sich um Fragestellungen wie: “Welche Strategien sind fruchtbar im Umgang mit erhöhten Grundstückswerten und daraus resultierenden steigenden Mieten, Auflagen im Emissionsschutz oder wechselnder Anwohnerschaft und ihren Lärmbeschwerden?”
Eindrücklich, aber humorvoll schilderte Sascha Disselkamp die Erfahrungen, die er als Clubbetreiber und als Sprecher der Clubcommission durch die Verknappung der innerstädtischen Flächen machte. Besonders hervorzuheben sind sicher die Verhandlungen mit Investoren zur Raumnutzung nach oben (z.B. auf Parkdächern) und unten (bspw. in Kellerräumen), sowie der Nutzung von “Restflächen” (z.B. Tunneln).

Unterschiedliche Einschätzungen im Teilnehmendenkreis gab es zur Rolle, die die Politik in diesem Gefüge einnehmen sollte. Sieht Sascha Disselkamp in den Beschäftigten der Senatsverwaltung eher Unterstützer*innen, die seine Anliegen fördern, aber gegenüber privaten Eigentümern oft keine Handlungsmacht haben, erachteten es einige der Teilnehmenden als städtische Pflicht, Kulturstätten – und damit auch der Clubszene – Raum zur Verfügung zu stellen.

Einen weiteren zentralen Aspekt des Austauschs stellte das Thema Diskriminierung durch die Szene selbst dar. Wie kann es gelingen, dass Schutzräume für bestimmte Personenkreise geschaffen werden, ohne im gleichen Zuge andere Personen (z.B. mit türkisch/arabischer Herkunft) aufgrund oberflächlicher Kriterien davon auszuschließen? Hier zeigte sich der Fallgeber selbst betrübt und beteuerte, dass er aktiv an diesem Dilemma arbeite. Die Clubcommission habe bereits einen Arbeitskreis dazu gegründet, der spezielle Schulungen für Türpersonal organisiere. Unterstützung für diesen Arbeitskreis bietet in Zukunft eine Person aus dem Teilnehmendenkreis durch die Erkenntnissen aus ihrer langjährigen Erfahrung an einer Tür. Sascha Disselkamp zeigte sich darüber sehr erfreut und äußerte, dass er ebenfalls eine engere Zusammenarbeit zwischen Antidiskriminierungsstellen und Clubs befürworten würde.

Wir danken allen Teilnehmenden für das Interesse und Sascha Disselkamp für die offenen Worte, sowie der Clubcommission für die Gastfreundschaft.

Projekt Vertretungsstunde in der Zuckmayer-Oberschule

Eingetragen am 14.01.2020

14. Januar 2020 | By |

Kindheitspädagogin Katharina Spatola und Azubine Linda Quach vom Kindernotdienst
bei ihrem Einsatz in einer 9. Klasse der Zuckmayer-Oberschule

Im Rahmen unseres Projektes „Vertretungsstunde“ besuchen Führungskräfte die Zuckmayer-Oberschule und geben dort in einer neunten Klasse auf der Basis ihrer Erfahrungen aus der beruflichen Praxis eine „Vertretungsstunde“ im WAT-Unterricht (Wirtschaft-Arbeit-Technik).

Die ehrenamtliche Koordinatorin Carmen Vallero schrieb folgenden Bericht zu einem Termin mit zwei Mitarbeiterinnen des Kindernotdienstes Kreuzberg:

Kinder in Not

Zu Gast in der Zuckmayer-Schule sind heute die Kindheitspädagogin Katharina Spatola und Linda Quach, die eine Ausbildung zur Erzieherin macht. Sie arbeiten im Kindernotdienst in Kreuzberg. Doch was genau ist eigentlich ihre Arbeit?

Zunächst beschreiben sie beispielhafte Fälle, mit denen sie zu tun haben: Kinder, die zuhause eingesperrt werden, weil die Eltern betrunken durch die Stadt ziehen. Ein Baby, mit blauen Flecken übersäht, das von der Polizei in den Notdienst gebracht wird. Ein jugendlicher Drogenkurier, der schon lange die Schule schwänzt und nicht mehr nach Hause kann. Ein Mädchen, dessen Freizeit und dessen Handy von den Eltern kontrolliert wird und das nach einem heftigen Streit in den Notdienst kommt.

In der Klasse ist es oft unruhig – und heute ganz anders. Es gibt überall betroffene Gesichter.  Niemand spricht.

Hilfe rund um die Uhr

Der Kindernotdienst steht allen Kindern und Eltern, die in Not geraten sind oder die einer akuten Kindeswohlgefährdung ausgesetzt sind, als Zufluchtsort und als stadtweit bekannte Anlaufstelle für Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres – rund um die Uhr – zur Verfügung. Er ist damit zuständig, wenn das Jugendamt geschlossen hat, z. B. wenn die Kinder nachts aus der Familie genommen werden müssen und dann erstmal einen sicheren Ort brauchen. Viele kommen auch allein – weil sie mit den Eltern nicht mehr klarkommen, rausgeworfen wurden oder nicht mehr weiterwissen. Es ist immer jemand da. Es gibt etwas zu essen, einen Schlafplatz, man kann dort spielen und mit den Erziehern sprechen.

Der Notdienst in Kreuzberg hat zehn Plätze für Kinder von 0 bis 13 Jahren. Meist bleiben sie zwei bis drei Tage und wenn das Zuhause keine Option ist, werden andere Möglichkeiten geprüft. Das kann eine Krisengruppe, eine Pflegefamilie, eine Wohngruppe oder eine andere Einrichtung sein. Konflikte können so deeskaliert werden, es gibt eine kleine Pause, in der nach Lösungen gesucht wird.

Was würdet ihr tun?

„Was denkt ihr über die Fälle, die wir geschildert haben?“ fragen die Pädagogen. „Schlagen ist nicht okay“ sagt ein Mädchen, räumt dann aber ein, dass ein Klaps auf den Po erlaubt sei. Ein Junge findet, dass es auf das Alter ankommt: „15jährige brauchen Schläge, die sind im Kopf schon alt genug, die kriegen dann Angst und das ist ein gutes Erziehungsmittel!“ „Was würdet ihr tun?“ hakt Katharina Spatola nach. Von Privatlehrern für Kinder, die schwänzen, bis einsperren, wenn die Kinder nicht hören, reichen die Vorschläge. Einig sind sich aber alle, dass man erstmal vernünftig miteinander reden sollte.

Das ist ein gutes Stichwort für ein Rollenspiel: Eine Schülerin verkörpert die Mutter, Katharina Spatola eine Jugendliche, die ihren Eltern nicht sagen möchte, wohin sie geht. Gekonnt schmettert sie alle Versuche der „Mutter“ mit ihr zu reden, ab. Schnell wird klar: Miteinander reden geht nur, wenn beide bereit dazu sind.

Feste Regeln

Die Kinder sind in einem separaten Haus untergebracht, zu dem nur die Mitarbeiter*innen Zugang haben. Kinder ab 12 dürfen alleine in den Ausgang, sind sie aber am Abend zum Essen nicht da, werden sie bei der Polizei als vermisst gemeldet. In der Nacht müssen alle Handys abgegeben werden. Man erhält auch Taschengeld – die Höhe hängt vom Alter ab. Ein 13-jähriges Kind bekommt z. B. 94 Cent am Tag. Eltern können kommen und sich von den Sozialarbeiter*innen beraten lassen oder um ihre Kinder zu besuchen – wenn die Kinder sie nicht treffen möchten, müssen sie das aber nicht. Eltern, von denen eine Gefahr für das Kind ausgeht, dürfen unter Umständen auch gar nicht zu Besuch kommen. Katharina Spatola erläutert, dass diese Regeln wichtig sind, damit sich alle wohl und sicher fühlen. Manchmal gibt es aber auch Probleme – rasten Kinder richtig aus und gefährden damit sich selbst oder andere, bringt der Krankenwagen sie in die Psychiatrie.  

„Was war das Schönste und was war das Schlimmste, das Sie erlebt haben?“ wollen die Schüler wissen. Linda Quach erzählt von Kindern, die kein Wort Deutsch konnten und in drei Tagen ganz viel gelernt haben. Weiter berichtet sie von einem Jungen, der sie bedroht hat – so sehr, dass sie sich zusammen mit den anderen Kindern in einem Raum eingeschlossen hat. Katharina Spatola erinnert sich am liebsten an ein Baby, das in seinen ersten Monaten nur im Maxi Cosi lag und dadurch einen verformten Körper hatte. „Man konnte zuschauen, wie es sich jeden Tag mehr erholt, sich gestreckt und entfaltet hat“, erzählt sie.

Gegen Ende der Stunde erklären die Gäste, welche Voraussetzungen für die Ausbildung nötig sind und in welchen Bereichen man als Erzieher*in arbeiten kann. Beide erzählen, wie viel Spaß ihnen die abwechslungsreiche Arbeit macht, mit der sie viel bewirken können. Auch für die Schüler*innen war es ein interessanter Vormittag – so aufmerksam wie sie dabei waren.

Sie haben auch Interesse, eine Vertretungsstunde zu übernehmen? Melden Sie sich gerne bei Alexander Ronge: alexander.ronge@cgi.com