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Vertretungsstunde Archive - Leadership Berlin

Projekt Vertretungsstunde in der Zuckmayer-Oberschule

Eingetragen am 14.01.2020

14. Januar 2020 | By |

Kindheitspädagogin Katharina Spatola und Azubine Linda Quach vom Kindernotdienst
bei ihrem Einsatz in einer 9. Klasse der Zuckmayer-Oberschule

Im Rahmen unseres Projektes „Vertretungsstunde“ besuchen Führungskräfte die Zuckmayer-Oberschule und geben dort in einer neunten Klasse auf der Basis ihrer Erfahrungen aus der beruflichen Praxis eine „Vertretungsstunde“ im WAT-Unterricht (Wirtschaft-Arbeit-Technik).

Die ehrenamtliche Koordinatorin Carmen Vallero schrieb folgenden Bericht zu einem Termin mit zwei Mitarbeiterinnen des Kindernotdienstes Kreuzberg:

Kinder in Not

Zu Gast in der Zuckmayer-Schule sind heute die Kindheitspädagogin Katharina Spatola und Linda Quach, die eine Ausbildung zur Erzieherin macht. Sie arbeiten im Kindernotdienst in Kreuzberg. Doch was genau ist eigentlich ihre Arbeit?

Zunächst beschreiben sie beispielhafte Fälle, mit denen sie zu tun haben: Kinder, die zuhause eingesperrt werden, weil die Eltern betrunken durch die Stadt ziehen. Ein Baby, mit blauen Flecken übersäht, das von der Polizei in den Notdienst gebracht wird. Ein jugendlicher Drogenkurier, der schon lange die Schule schwänzt und nicht mehr nach Hause kann. Ein Mädchen, dessen Freizeit und dessen Handy von den Eltern kontrolliert wird und das nach einem heftigen Streit in den Notdienst kommt.

In der Klasse ist es oft unruhig – und heute ganz anders. Es gibt überall betroffene Gesichter.  Niemand spricht.

Hilfe rund um die Uhr

Der Kindernotdienst steht allen Kindern und Eltern, die in Not geraten sind oder die einer akuten Kindeswohlgefährdung ausgesetzt sind, als Zufluchtsort und als stadtweit bekannte Anlaufstelle für Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres – rund um die Uhr – zur Verfügung. Er ist damit zuständig, wenn das Jugendamt geschlossen hat, z. B. wenn die Kinder nachts aus der Familie genommen werden müssen und dann erstmal einen sicheren Ort brauchen. Viele kommen auch allein – weil sie mit den Eltern nicht mehr klarkommen, rausgeworfen wurden oder nicht mehr weiterwissen. Es ist immer jemand da. Es gibt etwas zu essen, einen Schlafplatz, man kann dort spielen und mit den Erziehern sprechen.

Der Notdienst in Kreuzberg hat zehn Plätze für Kinder von 0 bis 13 Jahren. Meist bleiben sie zwei bis drei Tage und wenn das Zuhause keine Option ist, werden andere Möglichkeiten geprüft. Das kann eine Krisengruppe, eine Pflegefamilie, eine Wohngruppe oder eine andere Einrichtung sein. Konflikte können so deeskaliert werden, es gibt eine kleine Pause, in der nach Lösungen gesucht wird.

Was würdet ihr tun?

„Was denkt ihr über die Fälle, die wir geschildert haben?“ fragen die Pädagogen. „Schlagen ist nicht okay“ sagt ein Mädchen, räumt dann aber ein, dass ein Klaps auf den Po erlaubt sei. Ein Junge findet, dass es auf das Alter ankommt: „15jährige brauchen Schläge, die sind im Kopf schon alt genug, die kriegen dann Angst und das ist ein gutes Erziehungsmittel!“ „Was würdet ihr tun?“ hakt Katharina Spatola nach. Von Privatlehrern für Kinder, die schwänzen, bis einsperren, wenn die Kinder nicht hören, reichen die Vorschläge. Einig sind sich aber alle, dass man erstmal vernünftig miteinander reden sollte.

Das ist ein gutes Stichwort für ein Rollenspiel: Eine Schülerin verkörpert die Mutter, Katharina Spatola eine Jugendliche, die ihren Eltern nicht sagen möchte, wohin sie geht. Gekonnt schmettert sie alle Versuche der „Mutter“ mit ihr zu reden, ab. Schnell wird klar: Miteinander reden geht nur, wenn beide bereit dazu sind.

Feste Regeln

Die Kinder sind in einem separaten Haus untergebracht, zu dem nur die Mitarbeiter*innen Zugang haben. Kinder ab 12 dürfen alleine in den Ausgang, sind sie aber am Abend zum Essen nicht da, werden sie bei der Polizei als vermisst gemeldet. In der Nacht müssen alle Handys abgegeben werden. Man erhält auch Taschengeld – die Höhe hängt vom Alter ab. Ein 13-jähriges Kind bekommt z. B. 94 Cent am Tag. Eltern können kommen und sich von den Sozialarbeiter*innen beraten lassen oder um ihre Kinder zu besuchen – wenn die Kinder sie nicht treffen möchten, müssen sie das aber nicht. Eltern, von denen eine Gefahr für das Kind ausgeht, dürfen unter Umständen auch gar nicht zu Besuch kommen. Katharina Spatola erläutert, dass diese Regeln wichtig sind, damit sich alle wohl und sicher fühlen. Manchmal gibt es aber auch Probleme – rasten Kinder richtig aus und gefährden damit sich selbst oder andere, bringt der Krankenwagen sie in die Psychiatrie.  

„Was war das Schönste und was war das Schlimmste, das Sie erlebt haben?“ wollen die Schüler wissen. Linda Quach erzählt von Kindern, die kein Wort Deutsch konnten und in drei Tagen ganz viel gelernt haben. Weiter berichtet sie von einem Jungen, der sie bedroht hat – so sehr, dass sie sich zusammen mit den anderen Kindern in einem Raum eingeschlossen hat. Katharina Spatola erinnert sich am liebsten an ein Baby, das in seinen ersten Monaten nur im Maxi Cosi lag und dadurch einen verformten Körper hatte. „Man konnte zuschauen, wie es sich jeden Tag mehr erholt, sich gestreckt und entfaltet hat“, erzählt sie.

Gegen Ende der Stunde erklären die Gäste, welche Voraussetzungen für die Ausbildung nötig sind und in welchen Bereichen man als Erzieher*in arbeiten kann. Beide erzählen, wie viel Spaß ihnen die abwechslungsreiche Arbeit macht, mit der sie viel bewirken können. Auch für die Schüler*innen war es ein interessanter Vormittag – so aufmerksam wie sie dabei waren.

Sie haben auch Interesse, eine Vertretungsstunde zu übernehmen? Melden Sie sich gerne bei Alexander Ronge: alexander.ronge@cgi.com

Projekt Vertretungsstunde in der Zuckmayer-Oberschule

Eingetragen am 27.02.2019

27. Februar 2019 | By |

Am Freitag (14.02.2020) wurde die nächste Vertretungsstunde an der Zuckmayer-Oberschule eingeläutet. Diesmal zu Besuch: Sat.1 Frühstücksfernsehen Reporterin Anna Kreuzberg. Am Tag zuvor hatte sie noch den Brasilianischen Star-Spieler Neymar getroffen und konnte ein paar Bilder vom Treffen zeigen. Da waren die Jugendlichen mucksmäuschenstill und lauschten ihren Erzählungen.

Sat.1 Frühstücksfernsehen Reporterin Anna Kreuzberg

Dabei hatte sie einiges mitzugeben – sie erzählte von ihrem Nebenjobs neben der Schulzeit bei Schlecker, ihren zahlreichen Praktika beim Fernsehen, ihren ersten Erfahrungen als Komparsen-Koordinatorin am Set.

Neben Ihrer Empfehlung an die eigenen Wünsche zu glauben und hart an diesen zu arbeiten, konnte Anna auch einen guten Einblick in den Alltag einer Reporterin geben. Zeitungen, Magazine und Artikel lesen, Team-Sitzungen, dann wird im Studio gedreht. Manche Tage beginnen sehr früh oder sind anstrengend, doch die Vielseitigkeit und die Möglichkeit, viele interessante Orte zu besuchen, machen die Arbeit abwechslungsreich und wunderbar für sie. Damit die Jugendlichen einen guten Eindruck ihrer Arbeit bekommen, wurde ein Rollenspiel mit Reportern und Interviewten einberufen. Hierbei wurden auch Parallelen zum Bewerbungsgespräch aufgezeigt und Anna verdeutlichte, worauf sie achten sollten.

Im Anschluss wurde noch über Youtube, Snapchap und Instagram geplaudert – haben einige der Jugendlichen schon Erfahrung damit gesammelt? Tatsächlich hatte eine Teilnehmerin schon erste eigene Videos ins Netz gestellt.

Absolutes Highlight für die Jugendlichen war die Erzählung ihres Treffens mit Will Smith. Wie bereitet sie sich auf ein solches Treffen vor? Ist sie nervös gewesen? Tolle Geschichten aus dem Nähkästchen, wo man sich den Kino-Idolen einen Schritt näher fühlt. Also nicht erstaunlich, dass auch im Nachgang eine kleine Gruppe wissbegierig mehr wissen wollte.

Wir danken Anna für ihre Zeit und gute Laune als Vertretungslehrerin. Du bist jederzeit wieder willkommen!

Vertretungsstunde: Diskussion zum Thema Homosexualität

Eingetragen am 09.06.2018

9. Juni 2018 | By |

„Wie würdet ihr reagieren, wenn eure Schwester, euer Bruder oder Freunde euch mitteilen, dass sie homosexuell sind?“

Gilles Duhem ist für viele Schüler ein bekanntes Gesicht. Unweit der Zuckmayer-Schule führt der 51-Jährige den Verein MORUS 14, der mit vielen freiwilligen Schülerinnen und Schülern aus dem Kiez auch Nachhilfe anbietet. Kurz erzählt er von seinem Werdegang. Aus Paris ist er vor rund 30 Jahren nach Deutschland gekommen, hat in Berlin studiert und leitet seit 2007 den Verein in der Morusstraße.

Nachdem die Schülerinnen und Schüler einen Stuhlkreis gebildet haben, bittet Gilles, darum, die Sitzordnung zu ändern – immer ein Junge und ein Mädchen nebeneinander. Für manche ist das keine leichte Aufgabe, sitzen sie doch sonst immer nach Geschlecht getrennt voneinander. Aber die Vertretungsstunde ist heute anders.

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Gilles überrascht die Jugendlichen mit einem Satz an der Tafel: „Ich bin schwul und das ist auch gut so“. Wer hat das gesagt? Einige erinnern sich an diese Aussage von Klaus Wowereit zu seinem Amtsantritt. „Das hätte auch ich sagen können“ verrät Gilles und schon gibt es viele Fragen: Hat er einen Freund oder ist er verheiratet, hat er Kinder adoptiert, wann hat er gemerkt, dass ihn Mädchen nicht interessieren und wer ist der Mann, wer ist die Frau beim Sex? Ein Junge sagt: „Ich bin da ganz ehrlich, ich bin schwulenfeindlich. Ich weiß nicht genau warum, aber wenn da einer kommt und mich anmacht!“

Gilles setzt Homosexualität zunächst in ein Verhältnis aus Zahlen und Fakten: 5 % der Weltbevölkerung bezeichnet sich als schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell. Und das gab es schon immer. Bei den Muslimen sind es ca. 80 Millionen Menschen weltweit. Das löst Verwunderung aus. In vielen Ländern dürfen Homosexuelle heiraten und Kinder bekommen oder adoptieren, aber es gibt auch Orte, in denen sie ihre Homosexualität verschweigen müssen, weil sie unter Todesstrafe steht. Das ist z.B. im Iran, in Afghanistan oder in Saudi-Arabien der Fall. Die Selbstmordrate bei Homosexuellen ist dreimal so hoch wie bei Heterosexuellen, auch dies spricht eine deutliche Sprache. Für viele Menschen aus der muslimischen Community, die in Berlin leben, ist es schwer, zu ihrer Sexualität zu stehen, weil es ein großes Tabu ist. Gilles unterstützt einige geflüchtete Schwule aus dem Nahen Osten und berichtet von einem schwulen Imam aus Frankreich, der Homosexuelle in die Moschee einlädt.

Ein Junge möchte wissen: Wie war es bei ihm, hat sein Vater ihn nicht geschlagen, als er erfahren hat, dass sein Sohn schwul ist? Gilles sagt, dass seine Eltern moderne Ansichten haben, und es völlig unproblematisch war. Nicht alle Eltern reagieren so. Gilles erzählt von einem bayrischen Freund, der 1983 an seinem 18. Geburtstag von der Schule nach Hause kam, und einen gepackten Koffer vor der verschlossenen Tür fand. Oder von einem Fall aus Berlin. Hier wurden einem jungen Mann von seinem Vater und seinen Onkeln K.O.-Tropfen verabreicht, im Kofferraum eines Autos wollten sie ihn in den Libanon bringen, um ihn dort töten zu lassen. Glücklicherweise fielen sie Grenzpolizisten auf und wurden verhaftet. Die Schüler sind betroffen: „Es ist doch immer noch mein Kind“ sagt ein Mädchen.

„Wie würdet ihr reagieren, wenn eure Schwester, euer Bruder oder Freunde euch mitteilen, dass sie homosexuell sind?“ will Gilles wissen. „Ich würde ihm ein Mädchen klar machen“ sagt einer sofort. Einige Schüler reagieren empört, sie würden nicht mehr miteinander reden. Vor allem wollen sie nicht, dass andere davon erfahren. „Rausschmeißen oder schlagen“ sagt einer. Auch „töten, um das Blut rein zu halten“ wird als Alternative genannt, so kann die Ehre gerettet werden, ergänzt ein anderer. Jemand wirft ein, dass jeder selber wissen muss, was er mag, ob Jungs oder Mädchen, das ist doch egal, ein Mensch ist ein Mensch. Viele Vorschläge drehen sich um die passende Bestrafung, doch es gibt auch leisere Töne: ein Junge erzählt, dass er einen schwulen Cousin hat, ein anderer, der zuvor für’s Töten eingetreten ist, räumt ein, dass schlagen auch ausreichen würde.

Gilles lässt jede Meinung gelten und hört genau zu, verurteilt nicht. Denn er freut sich, dass die Schüler so offen sprechen. Viele geraten ins Grübeln. Und genau das ist es, was Gilles erreichen möchte – über Homosexualität zu reden ist ein erster Schritt weg vom Tabu und eine Einladung zur Reflektion. Die heutige Vertretungsstunde ist ganz sicher ein Anfang dafür. „Sex ist doch auch viel interessanter als Schule“ sagt Gilles mit einem ansteckenden Lachen, als es zur Pause klingelt.

Zwei Neuköllner Gewächse in der „Vertretungsstunde“

Eingetragen am 24.04.2017

24. April 2017 | By |

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Die Schüler und Schülerinnen der Klasse 9a der Zuckmayer-Sekundarschule durften sich letzte Woche gleich über zwei Führungskräfte als Gäste freuen, die beide selbst in Neukölln aufwuchsen und zur Schule gingen. Im Rahmen unseres Projekts „Vertretungsstunde“ gaben sie Einblicke in ihren beruflichen Werdegang und Tipps für den Berufseinstieg.

Kenan Yilmaz machte nach dem Abitur zunächst eine Maurerlehre und arbeitete auf dem Bau. In seiner Freizeit besuchte er u.a. Kampfsportschulen und Wing Tsun wurde zunächst zu seiner Leidenschaft und dann zu seinem  Beruf. Als er an unserem Leadership-Programm 2013 teilnahm war er Betreiber von zwei Wing-Tsun-Schulen. Inzwischen vereint er unter dem Dach seiner Firma VESQ GmbH insgesamt 12 Kampfkunstschulen in Berlin und Brandenburg. Auch wenn sein heutiger Beruf nichts mehr mit dem Maurer-Handwerk zu tun hat, so war seine Empfehlung an die Schüler*innen doch eindeutig: schaut, dass ihr eine Ausbildung macht. Wenn ihr in etwas gut seid und es wirklich wollt, öffnen sich danach noch viele andere Wege.

Petra Göbel verdiente sich ihr erstes Geld u.a. als Putzkraft und Kassiererin und erwarb ihre Englisch-Kenntnisse vor allem als Aupair in Großbritanien, bevor sie nach Studium und Auslands-Stipendium ihre berufliche Karriere bei Siemens startete, wo sie mittlerweile als Personalreferentin im Oberen Führungskreis in dem Weltkonzern angekommen ist und ihre Mails auch mal rund 100.000 Empfänger haben. Anschaulich sprach sie über Mindeststandards in Vorstellungsgesprächen, Kleidung, Fehltage in den Schulzeugnissen, den richtigen Umgangston, Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit und Kritikfähigkeit bis hin zu Rechtsschreibung und Englischkenntnissen und diverse Gründe, warum Arbeitsverhältnisse mitunter aufgelöst werden.

Kenan Yilmaz und Petra Göbel gaben insofern ganz unterschiedliche Einblicke in ihre berufliche Praxis, die für die meisten Schüler*innen der Zuckmayer-Schule noch sehr weit weg ist. 92% der Schüler*innen der Zuckmayer-Schule wachsen mit Lehrmittelbefreiung auf, was in der Regel bedeutet, dass die Familie ALG II bezieht. Für die Schüler*innen war es insofern ein Einblick in eine weitgehend fremde Welt des Berufslebens, die ihnen unsere beiden „Vertretungslehrer“ im Rahmen unseres Projektes „Vertretungsstunde“ lieferten. Wir hoffen mit den Besuchen von Menschen, die fest im Berufsleben stehen, einen Impuls zu geben, um den Anteil der Schüler*innen zu erhöhen, die eine duale Berufsausbildung beginnen. Aus dem letzten Abschluss-Jahrgang haben sich lediglich 20% der Schüler*innen dafür entschlossen, womit die Schule allerdings noch besser da steht als viele andere Schulen mit vergleichbarer Schüler-Zusammensetzung.

Vielen Dank an Petra Göbel und Kenan Yilmaz und die Lehrer*innen der Zuckmayer-Schule!

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