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First Monday bei der Oberstaatsanwältin für Sexualdelikte

Wie kann das Engagement und die Vernetzung von Akteur*innen im öffentlichen Bereich, Non-Profit-Bereich und privatwirtschaftlichen Bereich gegen Kindesmissbrauch gestärkt werden?

Diesem herausfordernden Thema widmeten wir uns bei unserem First Monday am Montag, dem 3. Dezember in den Räumlichkeiten der Staatsanwaltschaft Berlin. Für einen fachlich fundierten Austausch sorgten zu Beginn
Ines Karl, Oberstaatsanwältin für Sexualdelikte (Vergewaltigung/sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch von Kindern, Kinderpornografie, sexuelle Belästigung) und Teilnehmerin unseres Leadership-Jahresprogramms 2017
Sabine Misch, Erste Kriminalhauptkommissarin und Leiterin der Zentralstelle „Spree“ (Täterorientierte Prävention bei rückfallgefährdeten Sexualstraftätern) des Landeskriminalamtes (LKA 13)
Viola Würffel, Gerichts- und Bewährungshelferin bei den Sozialen Dienste der Justiz Berlin, ebenfalls spezialisiert auf Sexualstraftäter

Die Teilnehmergruppe bestand aus 16 Führungskräften, die zum Teil durch Tätigkeiten wie der Leitung eines Jugendamtes, der Geschäftsführung eines Vereins für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen oder auch der fachlichen Aufsicht für eine Fachschule für Erzieher*innen und zahlreiche Kitas einen engen fachlichen Bezug zum Thema Prävention vor Kindesmissbrauch haben. Insofern war es ein sehr informativer Austausch, der wohl für alle Beteiligten wertvolle Informationen und Anregungen enthielt.

Da es insbesondere in Öffentlich ein mitunter falsches Bild über das Thema Kindesmissbrauch gibt, wollen wir hier einige Infos zu dem Thema aufführen:

– Beim Thema Kindesmissbrauch handelt es sich keineswegs um ein medial gehyptes Thema, sondern eine ernst zu nehmende gesellschaftliche Problemstellung mit erschreckend hohen Fallzahlen und enormer, in der Regel lebenslanger Belastung für die Opfer. Im Jahr 2017 lag die Zahl des sexuellen Missbrauchs an Kindern bei 11.547 Fällen und die Aufklärungsquote lag bei 84,8 %. Zum Vergleich: die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe gegenüber Erwachsenen (in der Regel Frauen) lag 2017 bei 11.282.

– Die Dunkelziffer beim Kindesmissbrauch ist sehr hoch. Expert*innen schätzen, dass es siebenmal so viele Fälle des sexuellen Missbrauchs an Kindern gibt, wie letztendlich zur Anzeige kommen

– Auch, wenn die Zahl der Straftaten erschreckend hoch ist – so ist es keinesfalls so, dass die Situation früher besser gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Trotz einer damals vermutlich noch viel höheren Dunkelziffer lag die Zahl in der Vergangenheit noch deutlich höher. 1973 waren es beispielsweise alleine in Westdeutschland noch 15.563 Straftaten (Unzucht mit Kindern) und 1995 waren es (in Gesamtdeutschland) noch 16.013 Straftaten.

– Anders als es häufig vermutet wird, geht nicht der größte Teil der Missbrauchsfälle auf Pädosexuelle zurück. Schätzungen zufolge sind etwa 40–50% der Männer, die sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen haben, pädophil (Beier et al. 2005; s. für einen Überblick Seto 2008). Häufiger als bei nicht pädophilen Tätern handelt es sich dabei um Wiederholungstäter.

– Anders als es häufig vermutet wird, ist es auch nicht so, dass Menschen mit pädosexueller Ausrichtung in den meisten Fällen auch zu Tätern werden. Schätzungsweise 1% der männlichen Bevölkerung ist pädosexuell ausgerichtet, also in Berlin ca. 18.000 Männer. Es wird vermutet, dass etwas weniger als die Hälfte dieser Gruppe zu Tätern wird (vgl. Kuhle, Kossow & Beier 2015)

– Die einseitige Fokussierung der Bevölkerung auf das Zerrbild „pädosexuell = Täter“ verhindert die Zugangsmöglichkeit zu pädosexuellen Nicht-Tätern oder Noch-Nicht-Tätern für präventive therapeutische Maßnahmen und erhöht insofern das Risiko, dass jemand aus der Gruppe zum Täter wird.

– Anders als eine weit verbreitete Angst vermuten ließe ist es absolut die Ausnahme, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder durch Fremdtäter stattfindet, die im Gebüsch Kindern auflauern

– Sexuelle Gewalt findet am häufigsten innerhalb der engsten Familie statt  sowie im sozialen Nahraum beziehungsweise im weiteren Familien- und Bekanntenkreis, zum Beispiel durch Nachbarn oder Personen aus Einrichtungen oder Vereinen, die die Kinder und Jugendlichen gut kennen (ca. 50 %).

– Unter den 936 registrierten Opfern sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in Berlin im Jahr 2017 lag der Anteil von Mädchen bei 68,7% und der von Jungen bei 31,3%. 45,2% der Opfer standen zum Tatverdächtigen in einer engeren oder weiteren Vorbeziehung. Darin enthalten sind die 16,2% aller Opfer, die zum Tatverdächtigen in einer familiären Beziehung standen. Unter den ermittelten Tatverdächtigen waren 95,8% männlich und hatten
75,9% die deutsche Staatsangehörigkeit. 35,5% der Tatverdächtigen war im Alter unter 21 Jahren..“ (PKS Land Berlin 2017)

– Anders als bei anderen Straftaten sind die Täter in allen möglichen sozialen Schichten und mit unterschiedlichem Bildungsniveau zu finden

– Was kaum in der Öffentlichkeit bekannt ist, ist, dass Stiefkinder besonders gefährdet sind

– Was ebenfalls häufig unterschätzt wird, ist, dass viele Kinder über Missbrauchserfahrungen gegenüber ihren Eltern berichten und nicht ernst genommen werden. Eltern sollten insofern gestärkt werden, Hinweise nicht zu überhören

– Ebenfalls kaum in der Öffentlichkeit bekannt ist, dass Opfern die Aussage und Befragung in Gerichtssälen erspart werden kann. Das wissen auch manche Professionelle aus der Kinder- und Jugendhilfe nicht, von denen einige mitunter sogar von Anzeigen abraten.

Im weiteren Verlauf des Abends wurde darüber diskutiert, welche Maßnahmen aus Sicht der Teilnehmenden Sinn machen. Hier wurden unter anderem genannt:

– Es wäre wünschenswert, wenn oben aufgeführte Kenntnisse einer größeren Teil der Bevölkerung bewusst gemacht wird und generell mehr Aufklärung und Sensibilisierung zu dem Thema erfolgt

– Es wäre wünschenswert, wenn die finanziellen Mittel für die Arbeit mit Opfern und Tätern und pädosexuellen Männern, die bislang keine Täter wurden, aufgestockt würden.

– Es wäre wünschenswert, wenn die Mittel für eine zentrale Stelle zu dem Thema in der Verwaltung ausgebaut würden.

– Es wäre wünschenswert, dass – wie bei unserem Termin geschehen – Akteur*innen aus unterschiedlichen Bereichen wie Polizei, Staatsanwaltschaft, Kitabereich, Schulen, Mentorenprogramme, Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen und Sportvereine über das Thema austauschen. Bislang gibt es kaum einen Austausch über Kinderschutz-Konzepte z.B. zwischen Mentorenprogrammen, Sportvereinen und Kita-Trägern.

– Es wäre wünschenswert, wenn die Einholung von polizeilichen Führungszeugnissen
a) für Hauptamtliche und Ehrenamtliche in Sportvereine, Mentorenprogramme und anderen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, verpflichtend vorgeschrieben wird
b)  in zeitlichen Abständen wiederholt wird, um Änderungen festzustellen – oder umgekehrt eine Benachrichtigung erfolgen kann, wenn Einträge hinzugekommen sind
c) im Zusammenhang mit der Arbeit mit Kindern generell gebührenfrei ist
d) auch für Tätige von Dienstleistungsunternehmen in Kinder- und Jugendeinrichtungen vorgeschrieben wird (z.B. Reinigungsfirmen in Schulen und Kitas)

– Es wäre wünschenswert, dass sexuelle Selbstbestimmung fest in den Schulunterricht eingebaut wird und Lehrer*innen in Aus- und Weiterbildung für die Missbrauchsthematik geschult werden

– Es wäre wünschenswert, das Wissen über Missbrauch und dass Opfer nach Anzeigen nicht vor Gericht, sondern auch per Video aussagen können, in einfacher Form zielgruppengerecht zu vermitteln, z.B. als Pictogramme auf der Website der Senatsverwaltung

Zuletzt präsentierte Chahira Kressin-Gadermann, Geschäftsführerin von Hand-in-Hand-Patenschaft e.V. als Best-Practice-Beispiel das Kinderschutzmodell, das in einigen Mitgliedern vom Netzwerk Kinderpatenschaften entwickelt und umgesetzt wird.

Das Kinderschutzkonzept beinhaltet folgende Komponenten:
a) ein psychologisches Screening,
b) ein ausführliches Gespräch, welches sich an speziell ausgearbeiteten Fragen entlanghangelt,
c) eine mehrstündige Schulung,
d) die Vorlage eines aktuellen erweiterten Führungszeugnisses,
e) eine sechswöchige Probezeit in der Patenschaft
f) jeder, der bei uns eine Patenschaft anstrebt, stimmt außerdem unserem Ehrenkodex zu,
g) und unterschreibt, dass sein Name zum Schutz der Kinder in eine vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften speziell hierfür entwickelte Datenbank von Ehrenamtlichen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingetragen wird.

Während die ersten Punkte auf allgemeinen Anklang stießen, teilten sich die Meinungen im Hinblick auf die Nutzung der Datenbank. Die Datenbank beinhaltet keine Eintragungen über Fehlverhalten sondern ausschließlich die Informationen, wann und von welcher anderen angeschlossenen Organisation für die angefragte Person bereits eine Anfrage gestellt wurde. Die Eintragung sowie die Abfrage erfolgen nur nach Zustimmung der Betreffenden und erfüllt laut Chahira Kressin-Gadermann die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung. Die Datenbank ist als Unterstützungsinstrument dafür gedacht, dass Personen, die als Ehrenamtliche z.B. Mentorenprogrammen oder als Freizeitbetreuer aktiv Zugang zu Kindern und Jugendlichen suchen und die aufgrund von Verhalten (auch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze) in einer Organisation aufgefallen sind, nicht im Anschluss von einer Einrichtung zur nächsten wechseln, wo sie wiederum Zugang zu Kindern und Jugendlichen suchen. Durch die Transparenz, wo jemand, der sich als Ehrenamtlicher bewirbt, zuvor schon überall vorstellig und tätig wurde, könnte bei Vorstellungsgesprächen entsprechende Nachfragen gestellt werden bzw. bei den vorherigen Einsatzorten eine Referenz angefragt werden.

Die einen fanden den Einsatz einer solchen Datenbank für einen absolut sinnvollen, überfälligen Schritt, der dazu beitragen kann, Missbrauchsfälle zu vermeiden und plädierten dafür, dass möglichst viele Träger der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen über Sportvereine, Musikvereine bis hin zur Staatsanwaltschaft sich der Datenbank anschließen. Befürworter zogen den Vergleich zu Finanzabfragen bei Schufa, Creditreform u.ä., mit denen sich jede*r auch einverstanden erklären muss, wenn man z.B. einen Mobilfunkvertrag abschließt und hoben hervor, dass durch den Einsatz der Datenbank, ein Hopping von einer Einrichtung zur nächsten durch Personen, die besonders an Kindern interessiert sind und deren Grenzüberschreitungen sich möglicherweise noch steigern, verhindert werden kann.

Einige der Anwesenden hatten allerdings starke Bedenken bzgl. der Einsetzung einer solchen Datenbank. Nach ihrer Einschätzung hat die Information über frühere Eintragungen zur Folge, dass die anfragende Organisation daraufhin bei den vorherigen Einsatzorten bzgl. positiver oder negativer Erfahrungen mit der entsprechenden Person nachfragt und damit sind Tür und Tor geöffnet, dass jemand, dem zu Unrecht von einer Organisation, bei der er/sie tätig war, etwas schlechtes nachgesagt wird, zukünftig von keiner anderen Organisation mehr für die ehrenamtliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen angenommen wird. Darüber hinaus bezweifelten manche, dass eine solche Datenbank den derzeit geltenden Datenschutzvorgaben gerecht wird und dass der Aufwand in vernünftigem Verhältnis zum Nutzen steht.

Fazit und Ausblick:

Es war ein äußerst bereichernder differenzierter Blick auf die Herausforderung und Verbesserungsmöglichkeiten zum Thema Kindesmissbrauch. Ein größerer Teil der Teilnehmenden des Austauschformats zeigte Interesse und Bereitschaft, sich bei Folgetreffen weiter mit dem Thema zu befassen. Zu dem nächsten Treffen möchte Chahira Kressin-Gadermann vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften bzw. Geschäftsführerin von Hand- in-Hand-Patenschaft e.V. einladen.

Besprochen werden könnte bei einem folgenden Treffen:
– Konkrete Einblicke in die vom Netzwerk Kinderpatenschaften entwickelte Datenbank, Klärung hinsichtlich Datenschutzgrundverordnungskompatibilität und ggfls. Diskussion wie die Datenbank verändert und ausgebaut werden könnte

– Wie kann öffentliche Wissen über Kindesmissbrauch gestärkt werden? Wie können z.B. Artikel in russischsprachigen Medien platziert werden? Oder wie kann das Wissen bei Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen erhöht werden?

– Welche interdisziplinären Austauschformate zu dem Thema gibt es und wie könnten diese ggfls. gestärkt werden? Oder macht es Sinn, selbst eine interdisziplinäre Fachkonferenz zu dem Thema auf die Beine zu stellen?

– Wie kann Lobbyarbeit aussehen und wer könnte sie machen, um eine Erhöhung öffentlicher Mittel und Personalstellen für eine zentrale Anlaufstelle in der Verwaltung, für die Arbeit mit Täter*innen, für die Arbeit mit Opfern und die Qualifizierung von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen zu bewirken?

Links:
• das Kinderschutzkonzept von Hand-in-Hand-Patenschaft e.V. : http://www.handinhand-patenschaft.de/kinderschutz.html
• Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften: https://www.kipa-berlin.de/alle-programme-auf-einen-blick-1/
• Berliner Netzwerk gegen sexuelle Gewalt: https://www.berlin.de/sen/gpg/service/berliner-netzwerk-gegen-sexuelle-gewalt/teilnehmende/