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Aktuelles Archive - Leadership Berlin

02.09.2019: Was bedeuten „Quoten“ für Demokratie und Wirtschaft?

Eingetragen am 14.06.2019

14. Juni 2019 | By |

Zeit:       Montag, den 02. September 2019, 18.30 Uhr bis 21.00 Uhr

Ort:       Kreativitätsgrundschule Friedrichshain, Strausberger Straße 38, 10243 Berlin-Friedrichshain

Gastgeber:   Sebastian Schimming, Geschäftsführer des KreativitätsSchulzentrum Berlin

Moderation: Winfriede Schreiber, u.a. ehemalige Präsidentin des Verwaltungsgerichts Cottbus, Leiterin des Brandenburger Verfassungsschutzes und heute Vorstandsvorsitzende von Leadership Brandenburg) und Bernhard Heider, Geschäftsführer von Leadership Berlin Anmeldung für den First Monday bitte über folgendes Formular.
Bei der Veranstaltung werden wir u.a. auch auf die von uns durchgeführte Umfrage zum Thema Benachteiligung und Quoten eingehen, die wir im Juni 2019 veröffentlicht haben.

Winfriede Schreiber

Zum Thema des Abends:
Als erstes Landesparlament hat der Landtag in Brandenburg im Januar 2019 ein Paritätsgesetz beschlossen, nach dem alle* Parteien bei Landtagswahlen  auf ihren Wahllisten abwechselnd Frauen und Männer aufstellen müssen. Damit wird eine Repräsentanz von Frauen von ca. 50% auf den Landeslisten aller Parteien, die qua Satzung Männer und Frauen als Mitglieder aufnehmen, sicher gestellt. Auf Direktmandate bezieht sich das Paritätsgesetz nicht. (* ausgenommen von dieser Verpflichtung sind lediglich Parteien, die ausschließlich aus Angehörigen eines Geschlechtes bestehen, wie z.B. die Frauenpartei)

Am First Monday im September wollen wir uns in einem Debatten-Format den Pro- und Contra-Argumenten für eine solche gesetzliche Regelung widmen. Der Austausch beginnt mit der Sammlung von Argumenten in zwei Teilgruppen:

A            Teilnehmende, die eine Quotierung der Geschlechter in Höhe von ca. 50% auf den Listenplätzen befürworten
Moderation: Winfriede Schreiber, Vorstandsvorsitzende von Leadership Brandenburg und vor ihrer Pensionierung u.a. Präsidentin des Verwaltungsgerichts Cottbus und Leiterin des Brandenburger Verfassungsschutzes. Winfriede Schreiber ist Befürworterin des Brandenburger Paritätsgesetzes, für das sie sich sowohl im Juristinnenbund als auch als Expertin vor dem Brandenburger Landtag ausgesprochen hat.

B            Teilnehmende, die eine Quotierung der Geschlechter in Höhe von ca. 50% auf den Listenplätzen ablehnen
Moderation: Bernhard Heider, Geschäftsführer von Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung e.V.

Zum Paritätsgesetz:
Befürworter*innen sehen darin eine notwendige und gerechte Maßnahme, da der Anteil von weiblichen Abgeordneten im Deutschen Bundestag trotz eines Bevölkerungsanteils von 51% bei lediglich 30,9% liegt und zuletzt (in der Legislaturperiode ab 2013 lag er noch bei 36,9%) sogar gesunken ist. Aus Sicht der Befürworter*innen sollten Frauen entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil deutlich stärker in den Parlamenten vertreten sein und dieses Ziel lässt sich nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte nur über eine gesetzliche Regelung erzielen. Gegner*innen sehen in der quotierten Vergabe der Sitze nach binärer Geschlechtszugehörigkeit eine falsche und ungerechte Maßnahme, da der Anteil von Frauen in den Parteien nur bei 16  bis 39% (durchschnittlich bei 29%) liegt und eine gesteuerte Vergabe von 50% der Listenplätze an 16 – 39% der Parteimitglieder zulasten von fairem Wettbewerb und der Chancengleichheit für Männer geht. Selbstverständlich gibt es noch zahlreiche weitere Argumente dafür und dagegen, die wir bei unserem First Monday zusammentragen wollen.

Anteil von Frauen an Parteimitgliedern und Mandaten:
Der Frauenanteil bei den Mitgliedern und Mandaten in den im Bundestag vertretenen Parteien sieht aktuell folgendermaßen aus:

Frauenanteil
bei Parteimitgliedern
Frauenanteil
bei Mandaten im Bundestag
Grüne 39,8 % 58%
Linkspartei 36,5% 54%
SPD 32,5% 43%
CDU 26,2% 22%
CSU 20,5% 17%
FDP 21,9% 24%
AfD 17% 11%


Frauen sind nicht nur in allen Parteien als Parteimitglieder und in den meisten Parteien bei der Vergabe der Mandate (gemessen am Bevölkerungsanteil) unterrepräsentiert, sondern auch außerhalb der Politik allgemein in Führungspositionen: nur ca. ein Drittel der Führungskräfte sind Frauen. Was man allerdings auch nicht ausblenden sollte: neben der Geschlechterzugehörigkeit gibt es auch andere Merkmale, deren Merkmalsträger*innen (ostdeutsch, muslimisch, alleinerziehend, usw.) in Parlamenten und Führungspositionen verglichen mit ihrem Bevölkerungsanteil noch stärker unterrepräsentiert sind als Frauen. Die Frage nach Quotierung könnte sich insofern hier genauso stellen wie bei der Repräsentanz nach Geschlecht. Und was die Zweifel anbetrifft, dass Paritätsgesetze nicht verfassungskonform seien, so lohnt sich auch hier, den Blickfeld etwas zu erweitern auf diesbezügliche Präzendenzfälle. So wird aktuell im Wahlrecht in Schleswig-Holstein beispielsweise die dänische Minderheit begünstigt oder auch das Betriebsverfassungsgesetz begünstigt die jeweilige Geschlechterminderheit.

Gegner wie auch Befürworter beziehen sich argumentativ auf Artikel 3 des Grundgesetzes und sehen ihre Befürwortung oder Ablehnung von Quoten darin bestätigt:
 (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Warum widmen wir uns einer Diskussion des Paritätsgesetzes?
Wir wollen das Thema in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang sehen, denn die Frage nach der Notwendigkeit, Gerechtigkeit oder Sinnhaftigkeit von „Quoten“ beschränkt sich nicht auf die Repräsentanz von Frauen in Höhe von 50% auf die Listenplätze aller gemischtgeschlechtlich zusammengesetzten Parteien, denn …

a) solche Paritätsgesetze sind auch für das Berliner Abgeordnetenhaus und den Bundestag Gegenstand von gesellschaftlichen und juristischen Auseinandersetzungen

b) die Frage nach der Einführung von Frauen-Quoten stellt sich auch hinsichtlich gesetzlicher Vorgaben für Vorstände und Aufsichtsräte von Unternehmen (wobei es für letztere bereits eine gesetzliche Vorgabe gibt)

c) die Frage nach der Einführung von Quoten stellt sich ebenso wie bei Frauen auch bei anderen in Parlamenten und Führungspositionen unterrepräsentierten Gruppen (Menschen mit Migrationshintergrund, Ostdeutsche, Berufstätige mit aktiver Elternrolle, Muslime, usw.)

d) es handelt sich um eine gesellschaftliche Debatte, die international geführt wird. Paritätsgesetze für die Repräsentanz von Frauen entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil in Parlamenten gelten bereits in 23 Ländern und einige Länder (wie Italien und Norwegen) regeln darüber hinaus durch Quoten auch die Repräsentanz von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten von Unternehmen

Die Frage, ob Quoten zu einem festen Instrument für unsere Demokratie und Wirtschaft werden dürfen/sollen/müssen, ist insofern ein Thema, über das sich nachzudenken und zu diskutieren lohnt.

Bei unserem First Monday wollen wir diese umkämpfte gesellschaftliche Fragestellung aufgreifen und uns der Diskussion des Für und Widers von Gleichstellung per Quote und Gesetz am Beispiel des Paritätsgesetzes widmen.

Ablauf:

18.30 – 18.50 Uhr            Vorstellungsrunde mit Eingangs-Statement

18.50 – 19.30 Uhr            Aufteilung der Gruppe in Pro und Contra zum Paritätsgesetz

19.30 – 19.45 Uhr            Vortrag der Argumente der Pro- und Contra-Gruppe durch jeweils eine*n Speaker*in

19.45 –  20.00 Uhr            Pause

20.00 – 20.30 Uhr            Austausch in der Gesamtgruppe über die vorhandene oder fehlende Überzeugungskraft der jeweils anderen Gruppe

20.30 – 21.00 Uhr            Austausch über die Übertragbarkeit der Debatte auf andere Quoten-Debatten und Ausloten möglicher Kompromisse

Rahmenbedingungen:
Das Treffen findet wie immer unter den Rahmenbedingungen der Chatham-House-Vertraulichkeitsregel statt und alle Beteiligten geben mit ihrer Teilnahme eine Fotoerlaubnis. Wir bitten um Verständnis, dass wir die Teilnehmerzahl zugunsten des Austauschformates begrenzen, nur eine komplette Teilnahme möglich ist und unsere Mitglieder Vorrang bei der Belegung der Plätze haben. Wer noch kein Mitglied ist und dies ändern möchte, kann dies mit dem Ausfüllen eines Mitgliedsantrags tun. Die Teilnahme am First Monday ist kostenfrei.

Ergebnisse der Mitgliederbefragung zum Thema Quoten

Eingetragen am 14.06.2019

14. Juni 2019 | By |

Im zweiten Quartal führten wir zwei Befragungen zu den Themen Benachteiligung und Quoten durch. Die erste Befragung fand unter den 36 Teilnehmenden des Leadership Jahresprogramms statt . Der Frauenanteil lag insofern bei 44 % und ist damit deutlich höher als der gesamtgesellschaftliche Frauenanteil unter Führungskräften (ca. 30%).

Die zweite Befragung fand unter den 722 Führungkräften statt, die mit uns in Kontakt stehen (Mitglieder, ehemalige Teilnehmende und ehemalige Gesprächspartner*innen). Der Frauenanteil in dieser Empfängerliste liegt aktuell bei 47%.

Hier geht es zu den ausführlichen Ergebnissen der beiden Befragungen.

Und hier einige der überraschenden Ergebnisse (Seite 3+4) kurz skizziert:

1. Die Wahrnehmung von Männern und Frauen im Hinblick auf die Bevorzugung des anderen Geschlechts stehen sich diametral gegenüber:
Frauen gaben durchschnittlich an, dass „männlich sein“ große Vorteile biete, Männer hingegen empfinden im Durchschnitt „weiblich sein“ als vorteilhaft in ihrem Arbeitskontext.

2. Letztendlich sind sich Männer und Frauen in der durchschnittlichen Wahrnehmung einig, dass weder das eigene, noch das andere Geschlecht ein absolutes Benachteiligungsmerkmal darstellt, wohingegen „die aktive Wahrnehmung einer Elternrolle“ oder erst recht „alleinerziehend zu sein“ eine enorme Benachteiligung für die Karriere darstellen.

3.  Die Befragten sind sich außerdem einig, dass andere Merkmale wie „afrikanische Wurzeln“ zu haben, „muslimisch zu sein“, „kleinwüchsig“ oder „intersexuell zu sein“ eine spürbare Benachteiligung mit sich bringen, wobei diese vor allem von den befragten Frauen gesehen wird und Männer Benachteiligungen deutlich niedriger einschätzen.

Folgende Fragen wurden bei uns aufgeworfen:

a) Worin liegen die Gründe, dass Männer und Frauen so unterschiedliche Wahrnehmungen haben?

b) Wurde die zum Vorschein gekommene Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung von Männern und Frauen in Gender Studies bereits einmal näher erforscht, bzw. zeigte sie sich auch in anderen Untersuchungen?

c) Wurde die in unserer Befragung adressierte Wahrnehmungs-Perspektive auf die geschätzte positive oder negative Auswirkung  von unterschiedlichen Diskriminierungsmerkmalen (Geschlecht, sexuelle Identität, Religion, usw.) durch Führungskräfte im Hinblick auf ihren jeweiligen Arbeitskontext bereits anderweitig in den Gender Studies erforscht bzw. betrachtet? Gibt es insofern entsprechende Befragungsergebnisse, die auf einer breiteren und repräsentativen Datenlage beruhen?

d) Nach den Ergebnissen unserer Befragung könnte man zu dem Ergebnis kommen, dass eine „Förderung für Berufstätige mit aktiver Elternrolle (und das sind überdurchschnittlich häufig Frauen)“ sinnvoller sein könnte als eine pauschale „Frauen-Förderung“, da aus Sicht der weiblichen wie auch der männlichen Führungskräften die aktive Elternrolle eine massive Benachteiligung bewirkt, wohingegen das „weiblich sein“ nach gemeinsamer gemittelter Einschätzung heutzutage gar keinen negativen Einfluss auf die Karriere hat. Welche Perspektiven bieten hierzu Analysen der Gender-Studies?

e) Da im Hinblick auf Benachteiligung wie festgestellt Frauen und Männer eine sehr unterschiedliche Sicht haben, stellt sich die Frage – (wie) gelingt es den Wissenschaftler*innen der Gender-Studies angesichts eines Frauenanteils von über 95% und den Gleichstellungsbeauftragten mit einem Frauenanteil von 100%, dass ihr Diskurs und Handeln neutral sind und auch die männliche Perspektive entsprechend Berücksichtigung findet?
Die Beteiligung von Männern an unserer Umfrage war übrigens deutlich geringer als die von Frauen: obgleich 53% der 722 Führungskräfte aus unserem Netzwerk Männer sind, lag der Männer-Anteil unter den Befragungsergebnissen unter 40%. Der fehlende Bezug zu dem befragten Thema könnte ein Grund dafür sein.

Wenn jemand zu den aufgeführten Fragen Analysen und Arbeiten kennt, freuen wir uns über Zusendung. Wir könnten diese dann bei unserem First Monday am 2. September einfließen lassen, zu dem wir herzlich einladen! Weitere Infos finden Sie hier.

Grenzerfahrung: Exkursion nach FFO und Slubice

Eingetragen am 24.05.2019

24. Mai 2019 | By |

Einmal im Jahr bieten wir Mitgliedern und Freunden von Leadership Berlin die Teilnahme an einem Programmtag mit Begegnungen jenseits des eigenen Tellerrandes an. In diesem Jahr ging es gemeinsam mit unserem Schwesterverein Leadership Brandenburg – Netzwerk Verantwortung e.V. und einigen Mitgliedern von Mensa e.V. nach Frankfurt/Oder und in die polnische Nachbarstadt Slubice.

Der Tag beinhaltete Gespräche mit Einblicken in Wirtschaft, öffentlichen Sektor und dem Non-Profit Bereich und wurde aufgelockert durch durch einen fachkundlich begleiteten Stadtspaziergang.

Besuch im deutsch-polnischen Coworking-Space BLOK O und Gespräch mit Coworking-Managerin Linda Pickny

Bei einer Führung durch die Räumlichkeiten schilderte Linda Pickny ihre Eindrücke und Erfahrungen eines Standorts an der deutsch-polnischen Grenze und erläuterte, wie die Region aus ihrer Sicht tragfähige Perspektiven für junge Menschen bieten kann. Außerdem stellten die Gründer Michal Podyma und Jonas Schöneberg, die das BLOK O bereits aktiv nutzen, im Elevator-Pitch-Format ihre Ideen vor. Dabei handelte es sich zum einen um die deutsch-polnische Zeitarbeitsfirma Eurojob West und zum anderen um gleich zwei Unternehmen; WM Wasser Manufaktur GmbH und die GM GesundheitsManufaktur GmbH. Die teilnehmenden Führungskräfte gaben zu den Start-Ups ihr Feedback.

Treffen mit Oberbürgermeister René Wilke im Rathaus von Frankfurt/Oder

Zu den größten Herausforderungen der Stadt zählt laut Oberbürgermeister René Wilke besonders das Missverhältnis von Schulden und verfügbarem Investitionsbudget. Auf die hohen Schulden summiert sich ein Rückstau ausstehender Reparaturkosten von 120 Millionen Euro. Für diese stehen aber jährlich nur 10 Millionen Euro zur Verfügung, Landes- und EU-Fördergelder bereits eingerechnet. Er befinde sich mit seinen Entscheidungen somit in einem ständigen Spagat zwischen reiner Schadensbegrenzung und neuen Investitionen, die besonders wichtig für die infrastrukturelle Entwicklung vor Ort seien. Obwohl die Region seit der Wende eher von Skepsis und Enttäuschung geprägt sei, war der Tenor ein zaghaft-optimistischer: die Viadrina-Universität sei auch unter internationalen Studierenden ein wichtiger Pull-Faktor. Außerdem stellte sich bei der internationalen „Doppelstadt-Konferenz“ FFO/Slubice eindeutig als best practice Modell dar. Das gebe – trotz wachsender Probleme in der Zusammenarbeit aufgrund national-politische Interessen – Mut zur Intensivierung der grenzübergreifenden Zusammenarbeit.

Treffen mit Dr. Krzysztof Wojciechowski, Verwaltungsdirektor des Collegiums Polonicum

Mit dem Geschichtenerzählen kennt sich Dr. Krzysztof Wojciechowski als Vorsitzender des Vereins „mylife – erzählte Zeitgeschichte e.V.“ und als Autor des Buchs „Meine lieben Deutschen“ aus – und das merkte man seinen Schilderungen aus der Zeit, als der „europäische Alltag noch kein Standard war“ an. Bildhaft und teils (selbst-)ironisch schilderte er den Lebensalltag an der deutsch-polnischen Grenze und wie sich die Brücke über die Oder von einem „Schlachtfeld“ zu einem „Bindeglied“ wandelte. Besonders die Kriminalität, die durch Not und Neid bedingt wurde, sei so gut wie verschwunden. Es habe vielfältige Angleichung gegeben; das Lohngefälle von 1:10 sei inzwischen bei 1:3 angelangt und die Bilingualität der Doppelstadt trage maßgeblich zum positiven Verhältnis bei. Doch auch schwer messbare Faktoren, wie Kleidungsstile, non-verbale Kommunikation oder Essgewohnheiten seien näher zusammengerückt. Auf die Frage, wieso es nach der – im Weltmaßstab außergewöhnlich geglückten – deutsch-polnischen Versöhnung zum aktuellen Aufschwung nationaler Tendenzen komme, zeichnete Herr Wojciechowski ein plastisches Bild moderner Gesellschaft: Die Menschen seien im Paradies angekommen, hätten nun die Engelschöre satt und liefen Gefahr, durch den Hinterausgang direkt auf eine Müllhalde zuzusteuern.“

Unser Dank gilt unseren Gesprächspartner*innen und den Gründern für die spannenden Perspektiven auf diese besondere Region. Wir danken allen Teilnehmenden, besonders aber Dieter Krawczynski, der uns durch die Stadt führte und mit historischen Hintergründen sowie ortsbezogenen Anekdoten versorgte.

First Monday Perspektive Ost: Wiedervereinigung oder Anschluss?

Eingetragen am 21.05.2019

21. Mai 2019 | By |

Was hätte besser laufen können bei der „Wiedervereinigung“? – Was können und sollten wir daraus im Hinblick auf Vergangenheit, aber auch im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft lernen?

Unter dieser Fragestellung fand der First Monday im Mai in der Hochschule für Technik und Wirtschaft, frühere „DDR-Elite-Uni“ statt, um besonders Personen mit Ost-Sozialisation die Gelegenheit zu geben, ihre Erfahrungen und Einschätzungen zu teilen.

Die Gruppe bestand zu gleichen Teilen aus Führungskräften mit Ost- und West-Sozialisation und bot nicht zuletzt dadurch einen Rahmen, der vielseitige Perspektiven und Erfahrungen nebeneinander stehen ließ:

– wo Enttäuschungen bei Ostdeutschen herrühren

– ob und wie diese Enttäuschungen überwunden werden können,

– wie die Anerkennung von Lebensleistungen von Ostdeutschen auch in Westdeutschland erreicht werden kann,

– wie mehr Chancengleichheit für Ostdeutsche in der Repräsentanz in Führungspositionen und im Rentensystem hergestellt werden kann

– wie ganz allgemein gesehen strukturschwache Gebiete wirtschaftliche Perspektiven gewinnen und

– wie mehr gemeinsame Identität und Identifikation erreicht werden kann.

Kenntnis und Anerkenntnis wurden als notwendige Schritte identifiziert, die besonders den letzten Punkt prägen sollten. Wir hoffen, dass dieser First Monday einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte.

Wir danken allen Teilnehmenden für die persönlichen Schilderungen und das Interesse, sowie unseren Mitgliedern Cornelia Schwarz und Torsten Harr für die Initiative zu dem Termin.

Programmtag: Mut zur Vielfalt – dem anderen begegnen

Eingetragen am 20.05.2019

20. Mai 2019 | By |

Der vierte Programmtag unserer Learning Journey durch die Stadtgesellschaft – unseres Collaborative Leadership Programms mit 36 Führungskräften in trisektoraler Zusammensetzung – drehte sich rund um das Thema Pluralität und Meinungsvielfalt.  Zu Gast bei den Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BWB) beschäftigten sich die Teilnehmenden mit dem Zusammenspiel von individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Strukturen. Am Nachmittag besuchten sie in Kleingruppen Akteur*innen, die bspw. durch Trans* Identität oder kognitive Hochbegabung ein Merkmal aufweisen, welches von der Mehrheitsgesellschaft abweicht.

Nach einer Begrüßung durch den Geschäftsführer der BWB, Dirk Gerstle, wurden unsere Führungskräfte ganz im Sinne des Experiental Learnings selbst aktiv: um sich einen Eindruck von der Arbeit in den Moabiter Werkstätten zu verschaffen, begaben sie sich am Vormittag an die Seite von Beschäftigten und versuchten sich an deren Tätigkeiten. Im Anschluss fand ein Austausch über das Selbstverständnis, die Aufgaben, Finanzierung und die Herausforderungen der BWB in Zeiten von Inklusion mit Ulrich Hasenauer, Betriebsleiter der BWB, Berni Jansen, Leiterin des Begleitenden Dienstes und Edda Bindewald, Leiterin des Berufsbildungsbereiches statt.

Der weitere Tag bestand aus umfangreichen Gesprächen zu den Themenfeldern Diversität und Meinungsvielfalt und den Chancen und Risiken, die sie beinhalten. Gesprächspartner*innen waren dabei nicht nur Personen, die gängige Diversity-Aspekte repräsentierten, sondern auch Menschen, die dem Thema Vielfalt eher ablehnend gegenüber stehen.

Wir danken der BWB für die spannenden Einblicke, unseren Gesprächspartner*innen für die Offenheit und den Teilnehmenden für das rege Interesse.

Rückblick: First Monday bei der Barmenia Versicherung

Eingetragen am 24.04.2019

24. April 2019 | By |

First Monday im April – Alles, nur nicht Stromberg

„Alles Stromberg oder was?“ fragten wir zwar spaßeshalber in der Ankündigung zu unserem First Monday im April. Unser Gastgeber, die Barmenia Versicherung mit ihren Führungskräften Dr. Jan Seidel und Michael Lachmann, bewies den Teilnehmenden dann aber, dass Mitarbeiterführung und Kundenbindung in einer Versicherung auch ganz modern und mit viel Engagement gestaltet werden können – jenseits von blöden Sprüchen und Klischees.

Zunächst gab Dr. Jan Seidel, Vorstandsassistent aus der Zentrale der Versicherung in Wuppertal, einen Einblick in die aktuellen Rahmenbedingungen des Versicherungsmarktes. Wie die gesamte Branche sieht sich auch die Barmenia mit einem rückläufigen Angebot an Arbeitskräften auf dem Vermittlermarkt konfrontiert. Nichtsdestotrotz ist es der Barmenia gelungen, die Zahl der gebundenen Vermittler in den vergangenen Jahren auszubauen. Die goldenen Zeiten, in denen sich innerhalb einer Woche 15 Bewerber*innen auf eine Zeitungsannonce für eine Stelle meldeten, sind jedoch vorbei. Heute werden in der Berliner Bereichsdirektion vermehrt Xing und Facebook sowie im digitalen Umfeld eher „unkonventionell“ erscheinende Strategien, wie z.B. ein persönlich gestalteter Brief auf einer Webseite für Versicherungskarrieren, erfolgreich genutzt, um als Arbeitgeber aus der Masse hervorzustechen und die Aufmerksamkeit potentieller Mitarbeiter*innen zu gewinnen, berichtete Michael Lachmann, Bereichsdirektor der Barmenia in Berlin.

Interessant war für viele die Einschätzung der Barmenia-Vertreter, dass Kundengewinnung mit Hilfe von persönlichen Vermittler*innen (stationärer Vertrieb) sowie im Internet (Direktvertrieb) nicht in unmittelbarer Konkurrenz zueinander zu sehen sind, sondern eher als komplementär betrachtet werden können. Für eine rege Diskussion sorgte in diesem Zusammenhang die Frage, welche Kanäle für den Vertragsabschluss bevorzugt werden: an ein Versicherungsunternehmen gebundene Berater*innen, Makler*innen oder digitale Vergleichsportale. Als Kernfrage kristallisierte sich heraus, wie es gelingt, Vertrauen zu erzeugen. Im Teilnehmendenkreis zeigte sich, dass eine persönliche Beziehung, sei es zur Maklerin oder zum langjährigen gebundenen Berater, vertrauensfördernd wirken kann. Eine wichtige Rolle spielen hierbei auch Empfehlungen aus dem engen Umkreis. Ein digitales Vergleichstool dagegen hat den Vorteil, dass es Kund*innen die Arbeit abnimmt, sich mit den Einzelheiten der Versicherungsprodukte auseinanderzusetzen. Ebenfalls diskutiert wurde, dass es für  diese Onlinedienste zunehmend schwieriger wird,  Verbraucher*innen von ihrer Unabhängigkeit und Neutralität zu überzeugen.

Von Michael Lachmann, dem Bereichsdirektor für Berlin, gab es außerdem Einblicke in den Methodenkoffer und auch die Trickkiste einer langjährigen Führungskraft im Vertrieb, wobei er die Wichtigkeit des persönlichen Austauschs und der Wertschätzung für die Arbeit der Vermittler*innen durch die Führungskraft betonte.

Zum Abschluss verriet Michael Lachmann dann noch seinen „Zaubersatz“, mit dem es ihm gelingt, andere Menschen  – egal ob im Beruflichen oder im Privaten – für seine Pläne zu gewinnen. Wenn Bernd Stromberg diesen Satz gekannt hätte, er hätte sich sicherlich so einige Konflikte im Büro ersparen können.

Wir danken ganz herzlich den Gastgebern von der Barmenia-Versicherung für die spannenden und unterhaltsamen Einblicke in die Herausforderungen der Versicherungs-Branche sowie die Versorgung mit Speis und Trank.

Rückblick: Programmtag zum Thema Kritik äußern und annehmen können

Eingetragen am 19.04.2019

19. April 2019 | By |

Die Learning Journey durch die Stadtgesellschaft nimmt ihren Lauf: am vergangenen Donnerstag war der 36 Führungskräfte umfassende Teilnehmerkreis unseres Jahresprogramms  zu Gast beim Tagesspiegel, als Ort der Repräsentation der „vierten Gewalt“. Dort widmeten sich die Teilnehmenden in Kleingruppen und Plenardiskussionen sowohl der gesellschaftlichen als auch der persönlichen Dimension von Kritik.

Am Vormittag schwärmten die Teilnehmenden nach einem kurzen gemeinsamen Einstieg in alle Richtungen der Stadt aus: Sie trafen Akteur*innen des Berliner Stadtgeschehens, die in besonderer Weise mit Kritik zu tun haben. Entweder, weil sie selbst als kritische NGO oder Bürgerbewegung viel Kritik äußern oder weil sie bspw. als Lobbyvertreter*innen in umkämpften Themenfeldern besonders viel Kritik von außen erfahren. Ebenso waren Politiker*innen, die sowohl viel Kritik üben, als auch einstecken müssen, als Gesprächspartner*innen dabei.

Am Nachmittag kam die Gruppe im Plenum zusammen, um mit Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels und Herausgeber des Checkpoints, über die Macht von Medien in gesellschaftlichen Prozessen zu sprechen. Welche Korrektive nutzen Medien für sich selbst und welche Einflussfaktoren spielen bei Berichterstattung über Skandale eine Rolle? Anhand einer Umfrage unter den Teilnehmenden konnten verschiedene gesellschaftliche Stimmungslagen den (nicht repräsentativen) Eindrücken unter Berliner Führungskräften gegenübergestellt und mit Lorenz Maroldt diskutiert werden.

Nach einem gemeinsamen thematischen Abschluss führte Kevin Hoffmann, verantwortlicher Redakteur für Berliner Wirtschaft, der in diesem Jahr zu unserem Teilnehmendenkreis zählt, die Gruppe durch die Redaktionsräume und gab einen persönlichen Einblick in den Arbeitsalltag der verbreiteten Berliner Tageszeitung.

Wir danken allen Gesprächspartner*innen für die spannenden Einblicke, allen Teilnehmenden für das rege Interesse und dem Tagesspiegel für die Gastfreundschaft. Wir freuen uns auf die kommenden Programmtage!

Rückblick: Mensa meets Leadership bei der taz

Eingetragen am 20.03.2019

20. März 2019 | By |

Was haben Menschen mit kognitiver Hochbegabung (IQ >130) und Führungskräfte gemeinsam? Selbstverständlich eine gewisse Schnittmenge von Personen, die beiden Gruppen angehören. Aber es gibt auch Unterschiede, denn Intelligenz kann zwar förderlich bei der Karriere sein, aber möglicherweise auch hinderlich, wenn sie nicht mit anderen Eigenschaften sozialer und kommunikativer Art einhergeht, oder wenn jemand mit kognitiver Hochbegabung auf ein Umfeld bzw. Vorgesetzte stößt, die damit nicht umgehen können.

Um das gegenseitige bessere Verständnis – insbesondere das von kognitiv Hochbegabten gegenüber Führungskräften – zu befördern, organisieren wir seit 2014 quartalsweise den Besuch von ca. 20 Mitgliedern von Mensa e.V. bei Führungskräften. Nachdem wir im Medienbereich bereits bei BILD und Tagesspiegel zu Gast waren, fand die letzte Begegnung nun bei der taz auf Einladung der stellvertretenden Chefredakteurin Barbara Junge statt.

Spannend war zu erfahren, welche Unterschiede zu anderen Medienhäusern es bei der taz gibt. Tatsächlich zeigten sich gleich einige:

– Während viele Printmedien mit sinkenden Auflagen und Einnahmen zu kämpfen haben und Krisenstimmung vermitteln, gelingt es der taz durch ihr Genossenschaftsmodell, dem freiwilligen online-Bezahl-Modell „taz zahl ich“ und einer weitergehenden Identifikation ihrer Leser*innen, dem Auflagenrückgang im Print mit einer Zukunftsstrategie zu begegnen und sich  sogar einen eigenen Neubau leisten zu können.“

– Während die meisten anderen Medien den Eindruck erwecken wollen, politisch neutral zu sein (was ihnen mal mehr und mal weniger gelingt), ist die taz als politisch linke Tageszeitung mit starkem Fokus auf Umweltschutz-Themen klar positioniert.

– Während es bei den meisten Medien eine Hierarchie gibt, an deren Spitze Gesellschafter, Geschäftsführung und Chefredakteur*innen das Sagen haben, zeichnet sich die Unternehmenskultur der taz durch eine ausgeprägte Mitbestimmung aus. Redakteur*innen sind sowohl bei Berufung und/oder Absetzung von Vorstand, Geschäftsführung und der Chefredaktion, wie auch vielen Entscheidungen beteiligt. Die (auch redaktionelle) Freiheit der Redakteur*innen gegenüber höheren Ebenen ist hierdurch in größerem Umfang gegeben, als dies bei anderen Medien üblicherweise der Fall ist.

– Aus dieser Freiheit und dem inhaltlich-politischen Profil heraus ergibt sich im Positiven die Möglichkeit, dass Redakteur*innen sich weniger in ständigen Abgleich mit der Berichterstattung durch andere Medien begeben müssen. Vielmehr können sie sich evtl. häufiger den Luxus leisten, eigene, umfangreichere Recherchen zu freier gewählten Themen anzustellen.

Nach der Vermittlung eines Verständnisses von Strukturen und Abläufen folgte eine spannende Diskussion darüber, ob und wie Frauen anders führen und wie evtl. Geschlechterunterschiede in einer Redaktion aussehen, deren Frauenanteil schon vor Jahrzehnten bei 50% lag. Es wurde erörtert, welches Führungsverständnis in einer linken, auf Mitbestimmung ausgelegten Organisation gelebt wird, und schließlich wurde auch noch die Frage diskutiert, ob es eine einheitliche Positionierung bzgl. des Umgangs mit Rechten gibt, bzw. ob und wie die Redaktion sich von Linksextremisten und linker Gewalt distanziert.

Barbara Junge gab einen äußerst spannenden und offenen Einblick in das Innere der taz. Wir bedanken uns für den sehr erkenntnisreichen Abend und wünschen weiterhin viel Energie und Inspiration bei der sicherlich nicht selten herausfordernden Arbeit.

Rückblick: First Monday bei Stromnetz Berlin im InfraLab

Eingetragen am 20.03.2019

20. März 2019 | By |

Unser First Monday fand im März dank der beiden Gastgeber von Stromnetz Berlin GmbH im InfraLab auf dem Euref Campus – einem von zwölf „Zukunftsorten“ in Berlin – statt. Dort diskutierte eine Gruppe Berliner Führungskräfte am Beispiel der Entwicklungen des zukünftigen Energiesystems die Herausforderungen für traditionelle Organisationen und deren Beschäftigte im Hinblick auf die zunehmende Komplexität und Vernetzung. Besonderer Fokus waren die veränderten Anforderungen für Organisationsentwicklung und Change Management.

Nachdem wir einen kurzen Einblick in das Geschehen dieser besonderen Location erhielten, sagte der Abteilungsleiter Metering, Thomas Rütting ein paar allgemeine Worte über die Stromnetz Berlin GmbH, um dann auf gesellschaftspolitische Einflussfaktoren und damit zusammenhängende Herausforderungen bzw. Umstrukturierungsmaßnahmen für die Stromnetz zu sprechen zu kommen. Claudia Rathfux, Prokuristin und Leiterin Kunden- und Marktbeziehungen knüpfte dort an und erläuterte, was das konkret für Handlungsschritte mit sich bringe – besonders in Bezug auf die Unternehmenskultur.

Daran anknüpfend gingen wir über zum offenen Gespräch über die verschiedenen Strategien und Erfahrungen im Change Management. Es wurde nochmal verdeutlicht, wie stark die Anforderungen an Unternehmen bzw. Organisationen bei globalen Querschnittsthemen vom eigentlichen Kerngeschäft wegführen und dass besonders Führungskräfte dadurch mit Innovation und Geduld jonglieren müssen. Der sektorübergreifende Erfahrungsaustausch war an dieser Stelle besonders spannend.

Wir danken der Stromnetz Berlin GmbH und dem InfraLab für die Gastfreundschaft und allen Teilnehmenden für die angeregten Diskussionen. Besonderer Dank gilt Thomas Rütting und Claudia Rathfux, die beide an unserem Collaborative Leadership Programm teilgenommen haben und uns nun mit ihrer aktiven Netzwerkarbeit unterstützen.

First Monday bei der Oberstaatsanwältin für Sexualdelikte

Eingetragen am 18.03.2019

18. März 2019 | By |

Wie kann das Engagement und die Vernetzung von Akteur*innen im öffentlichen Bereich, Non-Profit-Bereich und privatwirtschaftlichen Bereich gegen Kindesmissbrauch gestärkt werden?

Diesem herausfordernden Thema widmeten wir uns bei unserem First Monday am Montag, dem 3. Dezember in den Räumlichkeiten der Staatsanwaltschaft Berlin. Für einen fachlich fundierten Austausch sorgten zu Beginn
Ines Karl, Oberstaatsanwältin für Sexualdelikte (Vergewaltigung/sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch von Kindern, Kinderpornografie, sexuelle Belästigung) und Teilnehmerin unseres Leadership-Jahresprogramms 2017
Sabine Misch, Erste Kriminalhauptkommissarin und Leiterin der Zentralstelle „Spree“ (Täterorientierte Prävention bei rückfallgefährdeten Sexualstraftätern) des Landeskriminalamtes (LKA 13)
Viola Würffel, Gerichts- und Bewährungshelferin bei den Sozialen Dienste der Justiz Berlin, ebenfalls spezialisiert auf Sexualstraftäter

Die Teilnehmergruppe bestand aus 16 Führungskräften, die zum Teil durch Tätigkeiten wie der Leitung eines Jugendamtes, der Geschäftsführung eines Vereins für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen oder auch der fachlichen Aufsicht für eine Fachschule für Erzieher*innen und zahlreiche Kitas einen engen fachlichen Bezug zum Thema Prävention vor Kindesmissbrauch haben. Insofern war es ein sehr informativer Austausch, der wohl für alle Beteiligten wertvolle Informationen und Anregungen enthielt.

Da es insbesondere in Öffentlich ein mitunter falsches Bild über das Thema Kindesmissbrauch gibt, wollen wir hier einige Infos zu dem Thema aufführen:

– Beim Thema Kindesmissbrauch handelt es sich keineswegs um ein medial gehyptes Thema, sondern eine ernst zu nehmende gesellschaftliche Problemstellung mit erschreckend hohen Fallzahlen und enormer, in der Regel lebenslanger Belastung für die Opfer. Im Jahr 2017 lag die Zahl des sexuellen Missbrauchs an Kindern bei 11.547 Fällen und die Aufklärungsquote lag bei 84,8 %. Zum Vergleich: die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe gegenüber Erwachsenen (in der Regel Frauen) lag 2017 bei 11.282.

– Die Dunkelziffer beim Kindesmissbrauch ist sehr hoch. Expert*innen schätzen, dass es siebenmal so viele Fälle des sexuellen Missbrauchs an Kindern gibt, wie letztendlich zur Anzeige kommen

– Auch, wenn die Zahl der Straftaten erschreckend hoch ist – so ist es keinesfalls so, dass die Situation früher besser gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Trotz einer damals vermutlich noch viel höheren Dunkelziffer lag die Zahl in der Vergangenheit noch deutlich höher. 1973 waren es beispielsweise alleine in Westdeutschland noch 15.563 Straftaten (Unzucht mit Kindern) und 1995 waren es (in Gesamtdeutschland) noch 16.013 Straftaten.

– Anders als es häufig vermutet wird, geht nicht der größte Teil der Missbrauchsfälle auf Pädosexuelle zurück. Schätzungen zufolge sind etwa 40–50% der Männer, die sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen haben, pädophil (Beier et al. 2005; s. für einen Überblick Seto 2008). Häufiger als bei nicht pädophilen Tätern handelt es sich dabei um Wiederholungstäter.

– Anders als es häufig vermutet wird, ist es auch nicht so, dass Menschen mit pädosexueller Ausrichtung in den meisten Fällen auch zu Tätern werden. Schätzungsweise 1% der männlichen Bevölkerung ist pädosexuell ausgerichtet, also in Berlin ca. 18.000 Männer. Es wird vermutet, dass etwas weniger als die Hälfte dieser Gruppe zu Tätern wird (vgl. Kuhle, Kossow & Beier 2015)

– Die einseitige Fokussierung der Bevölkerung auf das Zerrbild „pädosexuell = Täter“ verhindert die Zugangsmöglichkeit zu pädosexuellen Nicht-Tätern oder Noch-Nicht-Tätern für präventive therapeutische Maßnahmen und erhöht insofern das Risiko, dass jemand aus der Gruppe zum Täter wird.

– Anders als eine weit verbreitete Angst vermuten ließe ist es absolut die Ausnahme, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder durch Fremdtäter stattfindet, die im Gebüsch Kindern auflauern

– Sexuelle Gewalt findet am häufigsten innerhalb der engsten Familie statt  sowie im sozialen Nahraum beziehungsweise im weiteren Familien- und Bekanntenkreis, zum Beispiel durch Nachbarn oder Personen aus Einrichtungen oder Vereinen, die die Kinder und Jugendlichen gut kennen (ca. 50 %).

– Unter den 936 registrierten Opfern sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in Berlin im Jahr 2017 lag der Anteil von Mädchen bei 68,7% und der von Jungen bei 31,3%. 45,2% der Opfer standen zum Tatverdächtigen in einer engeren oder weiteren Vorbeziehung. Darin enthalten sind die 16,2% aller Opfer, die zum Tatverdächtigen in einer familiären Beziehung standen. Unter den ermittelten Tatverdächtigen waren 95,8% männlich und hatten
75,9% die deutsche Staatsangehörigkeit. 35,5% der Tatverdächtigen war im Alter unter 21 Jahren..“ (PKS Land Berlin 2017)

– Anders als bei anderen Straftaten sind die Täter in allen möglichen sozialen Schichten und mit unterschiedlichem Bildungsniveau zu finden

– Was kaum in der Öffentlichkeit bekannt ist, ist, dass Stiefkinder besonders gefährdet sind

– Was ebenfalls häufig unterschätzt wird, ist, dass viele Kinder über Missbrauchserfahrungen gegenüber ihren Eltern berichten und nicht ernst genommen werden. Eltern sollten insofern gestärkt werden, Hinweise nicht zu überhören

– Ebenfalls kaum in der Öffentlichkeit bekannt ist, dass Opfern die Aussage und Befragung in Gerichtssälen erspart werden kann. Das wissen auch manche Professionelle aus der Kinder- und Jugendhilfe nicht, von denen einige mitunter sogar von Anzeigen abraten.

Im weiteren Verlauf des Abends wurde darüber diskutiert, welche Maßnahmen aus Sicht der Teilnehmenden Sinn machen. Hier wurden unter anderem genannt:

– Es wäre wünschenswert, wenn oben aufgeführte Kenntnisse einer größeren Teil der Bevölkerung bewusst gemacht wird und generell mehr Aufklärung und Sensibilisierung zu dem Thema erfolgt

– Es wäre wünschenswert, wenn die finanziellen Mittel für die Arbeit mit Opfern und Tätern und pädosexuellen Männern, die bislang keine Täter wurden, aufgestockt würden.

– Es wäre wünschenswert, wenn die Mittel für eine zentrale Stelle zu dem Thema in der Verwaltung ausgebaut würden.

– Es wäre wünschenswert, dass – wie bei unserem Termin geschehen – Akteur*innen aus unterschiedlichen Bereichen wie Polizei, Staatsanwaltschaft, Kitabereich, Schulen, Mentorenprogramme, Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen und Sportvereine über das Thema austauschen. Bislang gibt es kaum einen Austausch über Kinderschutz-Konzepte z.B. zwischen Mentorenprogrammen, Sportvereinen und Kita-Trägern.

– Es wäre wünschenswert, wenn die Einholung von polizeilichen Führungszeugnissen
a) für Hauptamtliche und Ehrenamtliche in Sportvereine, Mentorenprogramme und anderen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, verpflichtend vorgeschrieben wird
b)  in zeitlichen Abständen wiederholt wird, um Änderungen festzustellen – oder umgekehrt eine Benachrichtigung erfolgen kann, wenn Einträge hinzugekommen sind
c) im Zusammenhang mit der Arbeit mit Kindern generell gebührenfrei ist
d) auch für Tätige von Dienstleistungsunternehmen in Kinder- und Jugendeinrichtungen vorgeschrieben wird (z.B. Reinigungsfirmen in Schulen und Kitas)

– Es wäre wünschenswert, dass sexuelle Selbstbestimmung fest in den Schulunterricht eingebaut wird und Lehrer*innen in Aus- und Weiterbildung für die Missbrauchsthematik geschult werden

– Es wäre wünschenswert, das Wissen über Missbrauch und dass Opfer nach Anzeigen nicht vor Gericht, sondern auch per Video aussagen können, in einfacher Form zielgruppengerecht zu vermitteln, z.B. als Pictogramme auf der Website der Senatsverwaltung

Zuletzt präsentierte Chahira Kressin-Gadermann, Geschäftsführerin von Hand-in-Hand-Patenschaft e.V. als Best-Practice-Beispiel das Kinderschutzmodell, das in einigen Mitgliedern vom Netzwerk Kinderpatenschaften entwickelt und umgesetzt wird.

Das Kinderschutzkonzept beinhaltet folgende Komponenten:
a) ein psychologisches Screening,
b) ein ausführliches Gespräch, welches sich an speziell ausgearbeiteten Fragen entlanghangelt,
c) eine mehrstündige Schulung,
d) die Vorlage eines aktuellen erweiterten Führungszeugnisses,
e) eine sechswöchige Probezeit in der Patenschaft
f) jeder, der bei uns eine Patenschaft anstrebt, stimmt außerdem unserem Ehrenkodex zu,
g) und unterschreibt, dass sein Name zum Schutz der Kinder in eine vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften speziell hierfür entwickelte Datenbank von Ehrenamtlichen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingetragen wird.

Während die ersten Punkte auf allgemeinen Anklang stießen, teilten sich die Meinungen im Hinblick auf die Nutzung der Datenbank. Die Datenbank beinhaltet keine Eintragungen über Fehlverhalten sondern ausschließlich die Informationen, wann und von welcher anderen angeschlossenen Organisation für die angefragte Person bereits eine Anfrage gestellt wurde. Die Eintragung sowie die Abfrage erfolgen nur nach Zustimmung der Betreffenden und erfüllt laut Chahira Kressin-Gadermann die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung. Die Datenbank ist als Unterstützungsinstrument dafür gedacht, dass Personen, die als Ehrenamtliche z.B. Mentorenprogrammen oder als Freizeitbetreuer aktiv Zugang zu Kindern und Jugendlichen suchen und die aufgrund von Verhalten (auch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze) in einer Organisation aufgefallen sind, nicht im Anschluss von einer Einrichtung zur nächsten wechseln, wo sie wiederum Zugang zu Kindern und Jugendlichen suchen. Durch die Transparenz, wo jemand, der sich als Ehrenamtlicher bewirbt, zuvor schon überall vorstellig und tätig wurde, könnte bei Vorstellungsgesprächen entsprechende Nachfragen gestellt werden bzw. bei den vorherigen Einsatzorten eine Referenz angefragt werden.

Die einen fanden den Einsatz einer solchen Datenbank für einen absolut sinnvollen, überfälligen Schritt, der dazu beitragen kann, Missbrauchsfälle zu vermeiden und plädierten dafür, dass möglichst viele Träger der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen über Sportvereine, Musikvereine bis hin zur Staatsanwaltschaft sich der Datenbank anschließen. Befürworter zogen den Vergleich zu Finanzabfragen bei Schufa, Creditreform u.ä., mit denen sich jede*r auch einverstanden erklären muss, wenn man z.B. einen Mobilfunkvertrag abschließt und hoben hervor, dass durch den Einsatz der Datenbank, ein Hopping von einer Einrichtung zur nächsten durch Personen, die besonders an Kindern interessiert sind und deren Grenzüberschreitungen sich möglicherweise noch steigern, verhindert werden kann.

Einige der Anwesenden hatten allerdings starke Bedenken bzgl. der Einsetzung einer solchen Datenbank. Nach ihrer Einschätzung hat die Information über frühere Eintragungen zur Folge, dass die anfragende Organisation daraufhin bei den vorherigen Einsatzorten bzgl. positiver oder negativer Erfahrungen mit der entsprechenden Person nachfragt und damit sind Tür und Tor geöffnet, dass jemand, dem zu Unrecht von einer Organisation, bei der er/sie tätig war, etwas schlechtes nachgesagt wird, zukünftig von keiner anderen Organisation mehr für die ehrenamtliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen angenommen wird. Darüber hinaus bezweifelten manche, dass eine solche Datenbank den derzeit geltenden Datenschutzvorgaben gerecht wird und dass der Aufwand in vernünftigem Verhältnis zum Nutzen steht.

Fazit und Ausblick:

Es war ein äußerst bereichernder differenzierter Blick auf die Herausforderung und Verbesserungsmöglichkeiten zum Thema Kindesmissbrauch. Ein größerer Teil der Teilnehmenden des Austauschformats zeigte Interesse und Bereitschaft, sich bei Folgetreffen weiter mit dem Thema zu befassen. Zu dem nächsten Treffen möchte Chahira Kressin-Gadermann vom Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften bzw. Geschäftsführerin von Hand- in-Hand-Patenschaft e.V. einladen.

Besprochen werden könnte bei einem folgenden Treffen:
– Konkrete Einblicke in die vom Netzwerk Kinderpatenschaften entwickelte Datenbank, Klärung hinsichtlich Datenschutzgrundverordnungskompatibilität und ggfls. Diskussion wie die Datenbank verändert und ausgebaut werden könnte

– Wie kann öffentliche Wissen über Kindesmissbrauch gestärkt werden? Wie können z.B. Artikel in russischsprachigen Medien platziert werden? Oder wie kann das Wissen bei Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen erhöht werden?

– Welche interdisziplinären Austauschformate zu dem Thema gibt es und wie könnten diese ggfls. gestärkt werden? Oder macht es Sinn, selbst eine interdisziplinäre Fachkonferenz zu dem Thema auf die Beine zu stellen?

– Wie kann Lobbyarbeit aussehen und wer könnte sie machen, um eine Erhöhung öffentlicher Mittel und Personalstellen für eine zentrale Anlaufstelle in der Verwaltung, für die Arbeit mit Täter*innen, für die Arbeit mit Opfern und die Qualifizierung von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen zu bewirken?

Links:
• das Kinderschutzkonzept von Hand-in-Hand-Patenschaft e.V. : http://www.handinhand-patenschaft.de/kinderschutz.html
• Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften: https://www.kipa-berlin.de/alle-programme-auf-einen-blick-1/
• Berliner Netzwerk gegen sexuelle Gewalt: https://www.berlin.de/sen/gpg/service/berliner-netzwerk-gegen-sexuelle-gewalt/teilnehmende/