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Das Leben draußen

Leadership in Dialogue im Non-Profit-Bereich

Eingetragen am 02.10.2017

2. Oktober 2017 | By |

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Wie sieht die Arbeit im gemeinnützigen Bereich aus? Vor welchen Herausforderungen stehen Non-Profit-Organisationen und welche Unterschiede gibt es im sozialen Bereich zwischen Deutschland und den Herkunftsländern der Teilnehmenden?

Leadership in Dialogue verbrachte den dritten Programmtag zum Thema Non-Profit-Bereich. Die Teilnehmenden mit und ohne Fluchtgeschichte waren zu Gast im Pflegewohnheim des Unionhilfswerks „Am Plänterwald“.

Anne Fritzsche, Sozialarbeiterin, Céline Calvet vom ambulaten Hospizdienst sowie Ergotherapeutin Esther Hackenberg erklärten, wie ihre Arbeit im Pflegewohnheim aussieht. Dabei begeisterten sie die Teilnehmenden mit ihrer Motivation und Freude am Beruf. Beides war im Auftreten der Frauen und ihren Erzählungen aus dem Arbeitsalltag deutlich zu spüren. Selbstverständlich ist das nicht – könnten die Mitarbeiterinnen doch genauso gut wegen Überlastung klagen. Denn auch „Am Plänterwald“ fehlt es wie fast überall im Pflegebereich an Personal und die Mitarbeiter*innen leisten daher häufig mehr als eigentlich für eine Person vorgesehen ist.

Wie die Begeisterung der Mitarbeiterinnen sich auf die Atmosphäre im Haus auswirkt, erfuhren die Teilnehmenden in persönlichen Gesprächen. Zu zweit oder dritt besuchten sie Bewohner*innen und tauschten sich beispielsweise über das Leben in Deutschland, die Heimatländer und kulturelle Besonderheiten aus. Eine Win-Win-Situation: Die Senior*innen freuen sich über Gesellschaft und sind daran interessiert, neue Menschen kennenzulernen. Und die Geflüchteten wollen die Sprache üben und mehr über Deutschland, seine Geschichte und die Gesellschaft erfahren.

Jeden ersten Sonntag im Monat wollen sich einige Geflüchtete nun zum Besuch im Pflegewohnheim verabreden, um mit den alten Menschen zu sprechen. Organisiert werden die am 5. November startenden Treffen von Yahya Mirzayev, ehemaligem Finanzmanager von Radio Free Europe in Aserbaidschan, und Nawid Arafat, Machinenbau-Ingenieur aus Afghanistan.

Und noch ein weiteres ehrenamtliches Projekt wurde initiiert: Interkulturelle Konftliktlotsen-Tandems sollen bei Konflikten zwischen Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund schlichten.

Beide Projekte und weitere Ergebnisse aus dem Programm werden wir auf unserer diesjährigen Abschlussveranstaltung am 9. Oktober vorstellen, zu der wir unsere Mitglieder und Beiräte sowie Gesprächspartner*innen und Freund*innen des Vereins ganz herzlich einladen.

Unser herzlicher Dank gilt den Gastgeberinnen und Klaus-Jürgen Schüler vom Pflegewohnheim „Am Plänterwald“ sowie den beiden Gesprächspartnerinnen Sabine Schreiber und Margarete Heitmüller, die jeweils Einblicke und Austausch zu ihren Arbeitsbereichen „Kita“ und „Volksentscheide in Berlin“ ermöglichten.

 

Das Leben draußen: Von Ausgrenzung und Missverständnissen

Eingetragen am 25.04.2017

25. April 2017 | By |

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Die JVA Moabit – Foto: Charles Yunck

 

Das Thema „Ausgrenzung“ aktiviert die Inhaftierten in der Diskussionsrunde erfahrungsgemäß besonders. Sei es, weil sie oft Parallelen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte ziehen oder weil sie sich in ihrer aktuellen Situation ausgegrenzt fühlen. In jedem Falle aber haben Dieter Geuss und Crispin Hartmann bei diesem Thema nicht die Befürchtung, dass es zu eintönig wird und keine richtige Diskussion aufkommen will.

Dieses Mal war es anders: Die Gastgeber waren schon im Vorfeld nervös, ob die Begegnung mit den Inhaftierten trotz aller Aktivität ruhig, sachlich und wertschätzend verlaufen wird. Zu groß sind die Vorurteile, die schon im „Leben draußen“ diesen beiden Gästen entgegengebracht werden. Aber der Reihe nach …

Am 27. März waren Denise* und Ute* die Gäste der Gesprächsrunde in Moabit. Denise Baujahr 1940, Ute gerade 35 Jahre jung. Beide sind Frauen – aber das war nicht immer so. Geboren wurden sie als Männer und jede erlebte auf unterschiedliche Weise, was es bedeuten kann, im falschen Körper geboren worden zu sein.

Denise zeugte als Mann eine Tochter in einer funktionierenden Ehe. Bis die Lebenslüge zu groß wurde und das Internet Antworten auf die vielen quälenden Fragen gab. Endlich auch die Gewissheit: Ich bin nicht allein. Denise hat sich, wie sie heute selbst sagt, dann zwar mit ihrem Weg der Transition gegen den Freitod entschieden, dafür aber die Ehe auf dem Gewissen.

Ute war nach eigenen Angaben bereits als Kind ein Außenseiter. Auch sie lebte ständig mit einer Lüge – stets bemüht, den gesellschaftlichen Konventionen zu genügen. Beide sagen, genau diese Lügen, das Verstellen und das Unterdrücken der eigenen Wünsche ist auf Dauer nicht auszuhalten.

Die Inhaftierten reagierten sehr positiv – viel besser als gedacht (dieses Vorurteil wurde also nicht bestätigt): Kein Anflug von Berührungsängsten, kein betretenes Schweigen oder offene Anfeindungen.  Im Gegenteil: Sie interessierten sich für den schwierigen Weg einer Vornamen- und Personenstandsänderung, fragten nach persönlichen Wünschen einer Schwangerschaft und ließen sich die Reaktionen im persönlichen Umfeld von Denise und Ute schildern. „Ach, und wir dachten immer, du wärst schwul.“ war beispielsweise die Reaktion in der Familie von Denise.

Bei aller Euphorie wurde anhand einer These eines Inhaftierten aber auch klar, wie lang der Weg der Erkenntnis bei allen nicht-queer-Mitmenschen noch ist: Er unterstellte dem homosexuellen Kindergärtner seines Sohnes gleichzeitig pädophile Neigungen – das eine würde das andere ja bedingen.

Zum Ende der Diskussion honorierten die Inhaftierten den Mut unserer Gäste mit Applaus und verbaler Anerkennung. Das vielleicht schönste Kompliment drückte ein Insasse der JVA Moabit so aus: „Bisher habe ich nicht geglaubt, dass so etwas angeboren ist. Ihnen nehme ich das ab. Jetzt glaube ich es!“

*Namen geändert

„Das Leben draußen“: Engel ohne Flügel

Eingetragen am 15.03.2017

15. März 2017 | By |

03 Das Leben Draußen_Susanne Rehberg

Auch im Jahr 2017 setzen Dieter Geuss und Crispin Hartmann ihre Gesprächsrunde in der JVA Moabit weiter fort. Neues Jahr heißt auch wieder: Neue Gäste zu bekannten Themen. Traditionell startet der Dialog mit den Inhaftierten im Februar zum Thema „Ohnmacht“ mit einem Erfahrungsbericht aus der Hospizarbeit von Dieter Geuss. Dieses Mal allerdings haben sie sich für dieses Thema einen Gast geholt: Susanne Rehberg. Sie ist Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes der Volkssolidarität Berlin gGmbH.

Sussanne Rehberg und Ihre Kolleg*innen sind tagtäglich mit der Ohnmacht konfrontiert – insbesondere mit denen der Patient*innen, denn im Regelfall bleibt bei ihnen der Wunsch auf Heilung bis zum Schluss.
Ist das mal nicht der Fall, macht sich auch bei Susanne Rehberg Ohnmacht breit – wie im Falle der Mutter, die seinerzeit mit Mitte 30 unheilbar an Krebs erkrankt ist. Trotz intensiver Gespräche lehnte sie alle schulmedizinischen Therapien ab und verweigerte sich der Krankheit und der damit verbundenen unvermeidlichen Konsequenz vehement. Für sich genommen ist dies schon eine Herausforderung für die Mitarbeiter*innen im Hospizdienst. In diesem Fall aber kam Susanne Rehberg nahe an ihre Belastungsgrenze, denn dadurch war es faktisch nicht möglich, den damals 9-jährigen Sohn auf den Abschied von der Mutter vorzubereiten. Spätestens seit dieser Erfahrung ist für Frau Rehberg klar: „Ich würde keinen Kinderhospizdienst leisten können – da habe ich meine Grenze.“

Das Thema „Ohnmacht“ fesselte die Inhaftierten sehr – zum einen aus der Perspektive der Lebensbegleitung (Zitat Frau Rehberg: „Wir machen Lebensbegleitung. Die Menschen, die wir begleiten, leben schließlich!“), als auch in Bezug auf andere Situationen, denen man oftmals ohnmächtig ausgesetzt ist. Die Gefangenen interessierten sich daher vor allem für die Antworten auf Fragen, wie: „Inwieweit hat ihre Arbeit Einfluss auf ihre Ansprüche im Leben – und umgekehrt?“ oder auch „Welche Einstellung haben Sie zu Dingen, die sie nicht ändern können?“. Frau Rehberg beantwortete diese Fragen sympathisch offen und ehrlich: Sie hätte noch nie großen Wert auf materialistische Dinge gelegt – und der Beruf hat diese Einstellung nur noch verstärkt. In Situationen oder bei Ereignissen, die unabänderlich sind, konzentriert sich Frau Rehberg auf Kraftquellen – also Umgebungen, Erinnerungen, Lebensmomente und Erfahrungen, die ihr ein positives Gefühl vermitteln und aus denen sie Kraft schöpfen kann.

Einer der Inhaftierten bezeichnete die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen im Hospizdienst spontan als „Engel ohne Flügel“. Für ihn verfügen diese Menschen über Fertigkeiten und Fähigkeiten, zu denen die wenigsten unter uns fähig sind. Dieses Kompliment nahmen sowohl Susanne Rehberg als auch Dieter Geuss dankbar an. Susanne Rehberg verwies dabei auf die vielen ehrenamtlichen Helfer*innen, die in einem vierwöchigen Kurs auf ihre Arbeit vorbereitet werden. Die persönlich geeigneten Männer und Frauen, von Student*innen bis Rentner*innen, werden durch vielfältige Kurseinheiten auf ihre Arbeit vorbereitet. Beispielsweise verbringen die Helfer*innen tageweise im Krankenhaus, beim Bestatter, im Hospiz und beschäftigen sich mit Methoden der Kommunikation, Trauerbewältigung, Religions- und Kulturthemen. Denn: Auch Engel, ob mit oder ohne Flügel, brauchen Unterricht.

Das Leben draußen – Glauben hinter Mauern

Eingetragen am 09.11.2016

9. November 2016 | By |

Martin_Stoelzel-Rhoden„Ich glaube nicht an die Allmächtigkeit Gottes!“ – Der Satz von Pfarrer Martin Stoelzel-Rhoden gleich zu Beginn der Gesprächsrunde saß und zeigte seine Wirkung bei allen Anwesenden. Eigentlich waren wir doch zusammengekommen, um über Glaube zu sprechen? Und dann das!

Gerade der vermeintlich offensichtliche Widerspruch zwischen Wort und Tat (in diesem Falle eher zwischen Wort und Beruf) war der Grund, warum unser Gast des letzten Montags im Oktober von der ersten Sekunde an die ungeteilte Aufmerksamkeit der Inhaftierten genoss.

Als Krankenhausseelsorger und Leiter des ambulanten Hospizdienstes des Evangelischen Johannesstifts wird Martin Stoelzel-Rhoden häufig durch die Angehörigen mit der Frage nach dem Glauben konfrontiert – gerade im Hinblick auf schwierige Lebenssituationen.

Dem allmächtigen Gott stellt Pfarrer Stoelzel-Rhoden den mitleidenden Gott gegenüber, was er durch das Leiden Jesu am Kreuz in besonderer Weise verkörpert sieht. Gott hat in diesem Sinne am Kreuz mit dem Leiden Jesu das erlitten, was auch Menschen erleiden. Der Schrei Jesus „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“ ist ein Schrei, der rund um den Erdball leidende Menschen erreicht und berührt. Das Rezept für den Umgang erläutert Pfarrer Stolelzel-Rhoden einfach und pragmatisch: Der Glaube hat ein Zwillingsgeschwister – den Zweifel. Ohne Glaube kein Zweifel und insbesondere ohne Zweifel auch kein Glaube, z.B. an eine Verbesserung der aktuellen Lebensumstände.

Diese Sicht auf den Glauben sprach die Inhaftierten der JVA Moabit an. Ihrer Meinung nach glaubt man hinter den Mauern anders. Dort herrschen mehr Zweifel und gerade wegen der eingeschränkten Privatsphäre wird der Glauben stärker mit anderen Inhaftierten geteilt.

Glaube hat viele Gesichter – auch in der JVA. Einige der Inhaftierten glauben an ihre Unschuld, andere an die Rückkehr in ein normales Leben, die meisten aber tatsächlich daran, hier die Quittung für einen Teil des bisherigen Lebens zu erhalten. Einige wenige Gefangene der Gesprächsrunde glauben darüber hinaus nicht an die Wirksamkeit der Haft – ihrer Meinung nach sind die Bedingungen viel zu einladend, als das es eine abschreckende Wirkung auf sie hätte.

Zum Schluss löste Martin Stoelzel-Rhoden noch das Rätsel um seine Aussage zur Allmächtigkeit Gottes: „Der Mensch hat seinen eigenen freien Willen von Gott erhalten – deshalb ist er nicht mehr allmächtig.“

„Das Leben draußen“ – Gespräch mit Inhaftierten über Verantwortung

Eingetragen am 18.10.2016

18. Oktober 2016 | By |

Ist Verantwortung gleichzusetzen mit Verantwortlichkeit? Wie viel Verantwortung kann ich abgeben? Wie schwer wiegt Verantwortung, wenn es um Leben und Tod geht?

Wrede_FriedrichMit Dr. Friedrich Wrede als Gast beleuchteten Dieter Geuss und Crispin Hartmann gemeinsam mit den Inhaftierten der JVA Moabit diese und viele andere Fragen zum Thema Verantwortung zunächst aus der Perspektive eines Humanmediziners. Als ehemaliger Leiter der Unfallchirurgie im DIAKO Krankenhaus Flensburg war Dr. Wrede bis 2006 oft gefordert, schnelle oder grundlegende Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen zu treffen.

Verantwortung meint einerseits die Pflicht, dafür zu sorgen, dass (in bestimmten Situationen) das Notwendige und Richtige getan wird und kein Schaden entsteht. Andererseits aber auch die Verpflichtung, für seine Handlungen einzustehen und ihre Folgen zu tragen, sollte es doch zu einem Schaden gekommen sein.
Exakt diesen Gesprächsbogen spannten wir in den 90 Minuten auf und ernteten am Ende auch noch den Applaus der Gefangenen.

Dr. Wrede beschrieb eingangs, wie man als Arzt an die Verantwortung herangeführt wird. Alles beginnt mit einer umfangreichen Ausbildung, dann assistiert man zunächst bei Operationen, führt später selbst kleinere Eingriffe durch um schlussendlich selbst der verantwortliche Operateur im Saal zu sein. Die Verantwortung – als Arzt wie auch im richtigen Leben – kommt nicht auf einen Schlag. Jeder wird, mehr oder weniger schnell, an sie herangeführt.

Zunehmend aber, so Dr. Wrede, wird die Verantwortung abgegeben: Entschieden früher häufig die Mediziner, wann welcher Eingriff noch sinnvoll, lebensverlängernd und lebenswerterhaltend ist, so wird diese Verantwortung mittlerweile auf die Patienten übertragen. Der Arzt klärt richtigerweise umfangreich über mögliche Erfolgs- und Heilungschancen sowie die Risiken und Nebenwirkungen einer OP auf – die Entscheidung für oder gegen den Eingriff aber trifft der Patient. Kommt es dann zu so genannten „Kunstfehlern“, so entscheiden in der Regel die Krankenhaus- und Patientenanwälte über den Grad der Verantwortung. Das erschwert dem Arzt die Verantwortung zur Wahrheit.

Insbesondere die Ehrlichkeit und offene Art von Dr. Wrede beeindruckte die Inhaftierten nachhaltig. Er gestand Fehler ein, übernahm dafür seinerzeit aber die Verantwortung und berichtete von seinen inneren Konflikten bei schwierigen Entscheidungen. Einige Inhaftierte versicherten daraufhin glaubhaft, auch für ihre Fehler nun die Verantwortung übernehmen zu wollen.

Zum Abschluss berichtete Dr. Wrede über sein derzeitiges ehrenamtliches Engagement im Bundesverband von Seniorpartner in School (SiS) e.V. als 1. Vorsitzender. Bei SiS werden Senior*innen zu Mediator*innen ausgebildet, die in Schulen den Kindern und Jugendlichen helfen, ihre Konflikte gewaltfrei zu lösen. „Im Grunde“, so Friedrich Wrede, „bringen wir den Schülerinnen und Schülern in gewisser Weise auch Verantwortung bei.“ Auf seine Frage, ob denn SiS als hilfreich angesehen wird, antwortete ein Inhaftierter: „Wäre damals jemand von SiS da gewesen, dann wäre ich nicht hier gelandet!“

„Das Leben draußen“: Netzwerken für Anerkennung

Eingetragen am 09.09.2016

9. September 2016 | By |

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Udo Marin; Foto: VBKI

 

„Netzwerken funktioniert im Gefängnis besser als draußen. Hier ist das ein existentielles Interesse!“ lautet eine der Botschaften, die die Inhaftierten unserem Gesprächsgast im August, Herrn Udo Marin, mitgaben. Damit war schnell klar: Hier sitzen sich Experten gegenüber.

Udo Marin ist seit 17 Jahren der Geschäftsführer des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller e.V. (VBKI). Der Verein wurde bereits im Jahre 1879 gegründet und versteht sich selbst u.a. als eine Think-Tank-Organisation, die auf den Themenfeldern Politik, Standort Berlin, Bildung und Wissenschaft, Sport und mehr Antworten in Form von Positionspapieren erarbeitet. Darüber hinaus fördert der Verein gemeinnützige Projekte und unterstützt im Rahmen einer Sportförderung Berliner Spitzensportler während und nach ihrer aktiven Zeit.

Netzwerker sind vor allem sozial erfolgreich – sie können Menschen für sich und ihre Ideen gewinnen und kennen immer jemanden, der jemanden kennt. So auch die rheinische Frohnatur Udo Marin – eine ideale Besetzung, um zum Thema Netzwerke/Gemeinschaften seine Erfahrungen mit den Inhaftierten zu teilen.

Die Inhaftierten wiederum berichteten von ihren Strategien und Beweggründen, in der JVA selbstständig Netzwerke zu bilden oder bestehenden Netzwerken beizutreten. Sie gaben Beispiele für verschiedene Initiativen der Inhaftierten aus dem Gefängnisalltag und analysierten die Ursachen von Erfolg und Misserfolg dieser Vorhaben. Dabei kristallisierte sich schnell heraus: Der stärkste Antrieb zur Bildung einer Interessengemeinschaft ist immer noch der Kampf gegen einen gemeinsamen „Feind“.

Geschichten über Feinde hatte Herr Marin nicht zu erzählen, wohl aber über einen weiteren Aspekt der Motivation, Menschen zu helfen und dadurch Netzwerke zu bilden: Die Anerkennung.
Das Gefühl, jemandem geholfen zu haben, dafür Anerkennung zu erfahren und keine direkte Gegenleistung zu fordern, ist für Udo Marin ein wesentlicher persönlicher Antrieb seiner Arbeit im Verein. Gleichzeitig wird dadurch das Vertrauen zwischen den Beteiligten gestärkt – und ohne Vertrauen kann ein Netzwerk nicht von Dauer sein.

Ein Nachtrag zu der Gesprächsrunde erreichte uns drei Tage nach der Veranstaltung: Rosemarie Dorsch-Jäger, die Leiterin der sozialpädagogischen Abteilung der JVA Moabit, leitete uns die Rückmeldung eines Gefangenen weiter: „Der Gruppenanlass „Das Leben draußen“ war wieder sehr toll, unterhaltsam und inspirierend. Der Gast fand großen Anklang…“. Ein Ansporn für uns, uns mit „Das Leben draußen“ weiter zu engagieren!

Gespräch in der JVA: Inhaftierte in der Seelsorger-Rolle

Eingetragen am 27.07.2016

27. Juli 2016 | By |

Ein Inhaftierter als Fallgeber für eine Gruppenberatung zum Thema Seelsorge?

Sonja_MüselerDamit hatten auch Dieter Geuss und Crispin Hartmann nicht gerechnet, als sie am 27. Juni die Gesprächsrunde „Das Leben draußen“ in der JVA Moabit fortsetzten. Zu Gast an diesem Tag war Sonja Müseler, die Ausbildungsleiterin der Telefonseelsorge Berlin. In diesem Jahr feiert die Berliner Telefonseelsorge ihr 60-jähriges Bestehen und gilt damit als die älteste ihrer Art in Deutschland. Sonja Müseler ist darüber hinaus noch im Vorstand der Stiftung Telefonseelsorge und Vorstandsmitglied von Leadership Berlin.

Die Menschen, die von Sonja Müseler zu Telefon-Seelsorger*innen ausgebildet werden, verrichten ihren Dienst ausnahmslos ehrenamtlich. Sie werden immer dann von den Berliner*innen angerufen, wenn jemand ratlos, verzweifelt, hilfesuchend, unsicher, ängstlich, wütend, einsam oder auch selbstzerstörerisch ist.

Nichts lag somit näher, als mit Sonja Müseler über die Bedeutung von Motivation im Leben zu sprechen und wie man sich selbst motivieren kann. Anhand von anonymen Beispielen konnte die Expertin anschaulich vermitteln, welche unterschiedliche Themen, Situationen und Charaktere im Gespräch bewältigt werden müssen. Die zwölf Inhaftierten erfuhren dadurch eindrucksvoll von der Motivation der Seelsorger*innen, tagein tagaus diese Krisengespräche zu führen. Darüber hinaus gewährte sie Einblicke in Motivations- und Gesprächsmethoden, die die Seelsorger*innen bei den Anrufer*innen anwenden.

Einer der Gefangenen konkretisierte daraufhin zunehmend seine Fragen zum Umgang mit spezifischen Krisensituationen und -verhalten. Wie sich herausstellte, wendet ein Mitgefangener sich regelmäßig hilfesuchend an ihn. Sonja Müseler gab in einer ausführlichen Diskussionssequenz mit den Inhaftierten wertvolle Tipps zur Beratung des Mitgefangenen, zeigte aber auch klar die Grenzen der Hilfe auf.

Am Ende der Gesprächsrunde gab es dann noch eine ganz besondere Begegnung: Zur Verabschiedung berichtete ein Häftling stolz von der ersten Auseinandersetzung seines Lebens, bei der er selbst nicht tätlich wurde, obwohl er angegriffen und verletzt wurde. Auf der Krankenstation der JVA Moabit fühlte er sich zunächst als Verlierer – realisierte anschließend aber den Wert seines passiven Verhaltens. „Und das habe ich auch aus den Gesprächsrunden hier mitgenommen.“

„Das Leben draußen“: Einigkeit beim Thema Vielfalt

Eingetragen am 08.06.2016

8. Juni 2016 | By |

Gesprächspartnerin Susan Kirch

Gesprächspartnerin Susan Kirch

Wer, außer Susan Kirch, kann schon von sich behaupten, von malaysischen Kopfjägern hereingelegt worden zu?

Susan Kirch ist Beraterin, Rednerin, Dozentin und Autorin für interkulturelle Sensibilisierung und Kompetenzvermittlung. Wir hatten sie am 30. Mai zu Gast bei der Gesprächsrunde mit den Inhaftierten der JVA Moabit. Als Einstieg zum Thema „Vielfalt“ berichtete sie selbst an einem amüsanten Beispiel, dass Vorurteile und bestimmte Bilder im Kopf uns alle manchmal ganz schön in die Irre führen können.

Die Inhaftierten lauschten gespannt und sehr konzentriert den Ausführungen von Susan Kirch. Aus den Erfahrungen der Gespräche vergangener Jahre heraus war eine anschließende kontroverse Diskussion zu erwarten. Dieses Mal aber bestimmte Einigkeit die Diskussion zum Thema Vielfalt. Auf die Fragen „Wie kann Vielfalt die Gesellschaft bereichern? Welche Chancen bieten sich durch Vielfalt? Wo hat Vielfalt seine Grenzen?“ antworteten die Inhaftieren beispielsweise unisono, dass gerade die Vielfalt in Musik, Essen und Kultur das eigene Leben bereichert.

Davon angespornt vermittelte Susan Kirch den Inhaftierten die Grundlagen des Wu-De-Modells, das im klassischen China zunächst entwickelt wurde, um unterschiedliche Formen von Führung und Herrschaft zu untersuchen – also Vielfalt im Führungskontext. Und plötzlich waren die 90 Minuten wieder vorüber – nahezu unbemerkt von den Inhaftierten und uns.

Wer mehr über den Humor des Naturvolks von Borneo oder das Wu-De-Modell erfahren möchte, der kann Susan Kirch über ihre Webseite www.susankirch.com kontaktieren.

Außerhalb des Gerichtssaals: Richter und Inhaftierte sprechen über Macht

Eingetragen am 03.05.2016

3. Mai 2016 | By |

Die Frage eines Inhaftierten an unseren Gast offenbarte an diesem Tag ganz deutlich, wie kontrovers die Sicht auf die Justiz manchmal sein kann: „Macht es Ihnen eigentlich Spaß, Leute ins Gefängnis zu bringen?“

Gleichzeitig zeigt die Frage, wie wichtig der offene Austausch zwischen den Welten drinnen und draußen ist. Diesem Austausch widmet sich das Leadership-Projekt „Das Leben Draußen“ mit Gesprächsrunden von Führungskräften und Inhaftierten.

Werner_GrässleWerne Gräßle ist Präsident des Amtsgerichts Berlin-Lichtenberg und war am 25. April unser Gesprächsgast in der JVA Moabit. In seiner Rolle als Richter, die er seit 1993 in der Berliner Justiz ausübt, setzt er sich täglich mit Machtfragen, Machtkonstellationen und Machtstrategien auseinander. Denn egal ob Angeklagte, Verteidigung, Klagende oder Richtende – alle Seiten versuchen im Rahmen Ihrer Rolle und der damit verbundenen Gestaltungsmacht Einfluss auf den Verlauf eines Prozesses zu nehmen. „Welche Verantwortung habe ich mit Macht?“ und „Was kann ich Positives mit meiner Macht erreichen? waren deshalb die Kernfragen des Gesprächs.

Die Inhaftierten geizten in der Diskussion nicht mit Vorurteilen gegenüber einem Richter und der Rechtsstaatlichkeit Deutschlands im Allgemeinen. Herr Gräßle ließ sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen und beantwortete die zahlreichen Fragen souverän und gelassen. Im weiteren Verlauf boten uns einige Inhaftierte dann auch einen Einblick in die Motive und Erfahrungen Ihrer (mutmaßlichen) Taten – und siehe da: Macht spielte immer eine Rolle. Sei es die Macht durch schnelles Geld oder auch die Macht durch den gewonnenen Einfluss auf Menschen und Prozesse. Die Auseinandersetzung mit den Reizen von Macht und der damit verbundenen Verantwortung erlaubte Werner Gräßle und Crispin Hartmann wieder zum eigentlichen Thema zurückzukehren. Während einzelne Inhaftierte sich im weiteren Verlauf des Gespräches in die Perspektive der „hellen Seite der Macht“ versetzten, zementierten andere Insassen der JVA Moabit offen ihr Bekenntnis zur „dunklen Seite“ derselben.

Neues von unserem Projekt „Das Leben draußen“: Diskussion mit Inhaftierten der JVA Moabit über Ausgrenzung

Eingetragen am 19.04.2016

19. April 2016 | By |

„Richter, Polizisten, Vorstandsvorsitzende – alle hatten wir schon da. Aber dass die Inhaftierten nach 90 Minuten unserem Gast applaudieren, das hatte vor Patricia Carl noch niemand geschafft. Die Vorstandsvorsitzende im Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) e.V. hatte von der ersten Minute an die Teilnehmer der Gesprächsrunde in der JVA Moabit auf ihrer Seite, denn dem gewinnenden Lächeln und dem sympathischen Selbstbewusstsein der 1,22 m großen Frau kann sich niemand entziehen.
 

Patricia Carl, Vorstandsvorsitzende im Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) © Anna Spindelndreier für BKMF e.V.

Wir hatten Frau Carl gebeten, zum Thema „Ausgrenzung“ ihre eigenen ganz persönlichen Erfahrungen aus dem Alltag und der Verbandsarbeit wiederzugeben – und das tat sie dann auch. Angefangen von ihrem allerersten Schultag, der gleichzeitig auch ihre erste bewusste schmerzliche Wahrnehmung der eigenen Situation darstellte, bis hin zu den täglichen, meist gedankenlosen Äußerungen und Handlungen der Mitmenschen gegenüber Kleinwüchsigen.
 
 
In der anschließenden Diskussion drehten sich die Gesprächsthemen insbesondere um die Fragestellungen: Wie funktioniert Ausgrenzung und wer bestimmt darüber? Wann ist man kein Durchschnitt mehr? Wie entsteht Ausgrenzung in den Köpfen der Menschen? Der persönliche Umgang mit Ängsten, die Bereitschaft zur Toleranz und eine gesunde Neugier wurden dabei u.a. als kritische Erfolgsfaktoren identifiziert. Erkenntnisse aus einem Gespräch, an welches sich die Inhaftierten bei ihrer Rückkehr in ihren Alltag noch öfters erinnern werden …“