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JVA Moabit

Das Leben draußen: Von Ausgrenzung und Missverständnissen

Eingetragen am 25.04.2017

25. April 2017 | By |

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Die JVA Moabit – Foto: Charles Yunck

 

Das Thema „Ausgrenzung“ aktiviert die Inhaftierten in der Diskussionsrunde erfahrungsgemäß besonders. Sei es, weil sie oft Parallelen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte ziehen oder weil sie sich in ihrer aktuellen Situation ausgegrenzt fühlen. In jedem Falle aber haben Dieter Geuss und Crispin Hartmann bei diesem Thema nicht die Befürchtung, dass es zu eintönig wird und keine richtige Diskussion aufkommen will.

Dieses Mal war es anders: Die Gastgeber waren schon im Vorfeld nervös, ob die Begegnung mit den Inhaftierten trotz aller Aktivität ruhig, sachlich und wertschätzend verlaufen wird. Zu groß sind die Vorurteile, die schon im „Leben draußen“ diesen beiden Gästen entgegengebracht werden. Aber der Reihe nach …

Am 27. März waren Denise* und Ute* die Gäste der Gesprächsrunde in Moabit. Denise Baujahr 1940, Ute gerade 35 Jahre jung. Beide sind Frauen – aber das war nicht immer so. Geboren wurden sie als Männer und jede erlebte auf unterschiedliche Weise, was es bedeuten kann, im falschen Körper geboren worden zu sein.

Denise zeugte als Mann eine Tochter in einer funktionierenden Ehe. Bis die Lebenslüge zu groß wurde und das Internet Antworten auf die vielen quälenden Fragen gab. Endlich auch die Gewissheit: Ich bin nicht allein. Denise hat sich, wie sie heute selbst sagt, dann zwar mit ihrem Weg der Transition gegen den Freitod entschieden, dafür aber die Ehe auf dem Gewissen.

Ute war nach eigenen Angaben bereits als Kind ein Außenseiter. Auch sie lebte ständig mit einer Lüge – stets bemüht, den gesellschaftlichen Konventionen zu genügen. Beide sagen, genau diese Lügen, das Verstellen und das Unterdrücken der eigenen Wünsche ist auf Dauer nicht auszuhalten.

Die Inhaftierten reagierten sehr positiv – viel besser als gedacht (dieses Vorurteil wurde also nicht bestätigt): Kein Anflug von Berührungsängsten, kein betretenes Schweigen oder offene Anfeindungen.  Im Gegenteil: Sie interessierten sich für den schwierigen Weg einer Vornamen- und Personenstandsänderung, fragten nach persönlichen Wünschen einer Schwangerschaft und ließen sich die Reaktionen im persönlichen Umfeld von Denise und Ute schildern. „Ach, und wir dachten immer, du wärst schwul.“ war beispielsweise die Reaktion in der Familie von Denise.

Bei aller Euphorie wurde anhand einer These eines Inhaftierten aber auch klar, wie lang der Weg der Erkenntnis bei allen nicht-queer-Mitmenschen noch ist: Er unterstellte dem homosexuellen Kindergärtner seines Sohnes gleichzeitig pädophile Neigungen – das eine würde das andere ja bedingen.

Zum Ende der Diskussion honorierten die Inhaftierten den Mut unserer Gäste mit Applaus und verbaler Anerkennung. Das vielleicht schönste Kompliment drückte ein Insasse der JVA Moabit so aus: „Bisher habe ich nicht geglaubt, dass so etwas angeboren ist. Ihnen nehme ich das ab. Jetzt glaube ich es!“

*Namen geändert

Gespräch in der JVA: Inhaftierte in der Seelsorger-Rolle

Eingetragen am 27.07.2016

27. Juli 2016 | By |

Ein Inhaftierter als Fallgeber für eine Gruppenberatung zum Thema Seelsorge?

Sonja_MüselerDamit hatten auch Dieter Geuss und Crispin Hartmann nicht gerechnet, als sie am 27. Juni die Gesprächsrunde „Das Leben draußen“ in der JVA Moabit fortsetzten. Zu Gast an diesem Tag war Sonja Müseler, die Ausbildungsleiterin der Telefonseelsorge Berlin. In diesem Jahr feiert die Berliner Telefonseelsorge ihr 60-jähriges Bestehen und gilt damit als die älteste ihrer Art in Deutschland. Sonja Müseler ist darüber hinaus noch im Vorstand der Stiftung Telefonseelsorge und Vorstandsmitglied von Leadership Berlin.

Die Menschen, die von Sonja Müseler zu Telefon-Seelsorger*innen ausgebildet werden, verrichten ihren Dienst ausnahmslos ehrenamtlich. Sie werden immer dann von den Berliner*innen angerufen, wenn jemand ratlos, verzweifelt, hilfesuchend, unsicher, ängstlich, wütend, einsam oder auch selbstzerstörerisch ist.

Nichts lag somit näher, als mit Sonja Müseler über die Bedeutung von Motivation im Leben zu sprechen und wie man sich selbst motivieren kann. Anhand von anonymen Beispielen konnte die Expertin anschaulich vermitteln, welche unterschiedliche Themen, Situationen und Charaktere im Gespräch bewältigt werden müssen. Die zwölf Inhaftierten erfuhren dadurch eindrucksvoll von der Motivation der Seelsorger*innen, tagein tagaus diese Krisengespräche zu führen. Darüber hinaus gewährte sie Einblicke in Motivations- und Gesprächsmethoden, die die Seelsorger*innen bei den Anrufer*innen anwenden.

Einer der Gefangenen konkretisierte daraufhin zunehmend seine Fragen zum Umgang mit spezifischen Krisensituationen und -verhalten. Wie sich herausstellte, wendet ein Mitgefangener sich regelmäßig hilfesuchend an ihn. Sonja Müseler gab in einer ausführlichen Diskussionssequenz mit den Inhaftierten wertvolle Tipps zur Beratung des Mitgefangenen, zeigte aber auch klar die Grenzen der Hilfe auf.

Am Ende der Gesprächsrunde gab es dann noch eine ganz besondere Begegnung: Zur Verabschiedung berichtete ein Häftling stolz von der ersten Auseinandersetzung seines Lebens, bei der er selbst nicht tätlich wurde, obwohl er angegriffen und verletzt wurde. Auf der Krankenstation der JVA Moabit fühlte er sich zunächst als Verlierer – realisierte anschließend aber den Wert seines passiven Verhaltens. „Und das habe ich auch aus den Gesprächsrunden hier mitgenommen.“

Christine Dorn als Gast bei „Das Leben draußen“ in der JVA Moabit

Eingetragen am 08.12.2015

8. Dezember 2015 | By |

Am letzten Montag im November trafen sich wieder Inhaftierte der JVA Moabit zur Gesprächsrunde „Das Leben draußen“

Diesmaliger Gast, Christine Dorn, beantwortete zum Thema „Gemeinschaft / Netzwerke“ u.a. folgende Fragen: „Wie stark ist der Einzelne im Vergleich zur Gemeinschaft? Welche Durchsetzungskraft können Netzwerke haben?“

Foto_Christine_DornChristine Dorn ist Initiatorin des Volksbegehrens für ein landesplanerisches Nachtflugverbot am Flughafen BER, seit März 2015 Vorsitzende des Bürgervereins Berlin-Brandenburg e.V. und Mitglied des Vorstands bei Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung e.V..

Sehr plastisch und mit vielen Anschauungsmaterialien ausgestattet berichtete Christine Dorn vom steinigen Weg des Volksbegehrens:

Vom Sammeln der Unterschriften auf der Straße, an S-Bahnhöfen, in Parks und bei Festen: Eine Bananenkiste mit einem umgedrehten Kuchenblech auf dem Fahrradgepäckträger erwies sich als effektives und mobiles „Unterschriftensammelbüro“. Sie berichtete von vorbildlicher bürgerfreundlicher Zusammenarbeit mit dem Büro der Landeswahlleiterin, von engstirnigen bürgerunfreundlichen Senatsmitarbeitern an anderer Stelle oder auch Beamten als Informanten, die das Durchsetzen von Bürgerrechten ermöglichten. Vom Feilschen um jeden Schallschutz-Cent und den Interessenkonflikten der Behörden in ihren verschiedenen Rollen einerseits als Anteilseigner des Flughafens und andererseits als Genehmigungsbehörde, die dem Flughafen zum Schutz der Anwohner Grenzen setzen muss.

Für ein solch schwieriges Unterfangen, wie ein Volksbegehren unzweifelhaft ist, braucht es permanente Motivation, Standhaftigkeit und Durchsetzungsvermögen. Das erkannten alle Inhaftierten wertschätzend an. Es wurde interessiert nachgefragt und eine lebendige Diskussion zu Möglichkeiten von Bürgerbeteiligungen geführt.

Organisiert und moderiert wird das Gesprächsformat Das Leben draußen mit seinen monatlichen Gesprächsrunden zwischen Führungskräften und Inhaftierten von Crispin Hartmann und Dieter Geuß, die die Idee hierzu aus ihrer Teilnahme am Leadership-Jahresprogramm 2013 entwickelt haben. Angebote bezüglich Themen und Gesprächspartnern nimmt Crispin Hartmann unter crispin.hartmann@t-online.de gerne entgegen.

IMG_5286Dieter Geuß und Crispin Hartmann auf der thematischen Mitgliederversammlung von Leadership Berlin im Sommer 2015