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Respekt Archive - Leadership Berlin

Gemeinsam gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit

Eingetragen am 05.07.2018

5. Juli 2018 | By |

Am Sonntag, dem 24. Juni setzen wir einiges in Bewegung und zwar in Form unserer meet2respect-Tandemtour unter dem Motto „Gemeinsam Antisemitismus und Islamfeindlichkeit entgegenlenken“. Ganz im Sinne der von uns organisierten meet2respect-Unterrichtsbesuche von Tandems aus jüdischen und muslimischen Religionsvertreter*innen, die wir seit 2013 in mehrheitlich muslimischen Schulklassen durchführen, brachten wir nun 25 jüdisch-muslimisch besetzte Tandem-Fahrräder und Riksschas auf die Straße.

Beginnend am Holocaust-Mahnmal und vorbei beim Jüdischen Gemeindezentrum, der Synagoge am Fraenkelufer und der Mevlana-Moschee bahnte sich der Fahrrad-Korso unter Begleitung von zahlreichen Mitradler*innen, Presse und Polizei einen Weg durch Berlin. Endpunkt war der Bebelplatz und damit der Ort der Bücherverbrennung 1933. Dort fand ein Bühnenprogramm statt, bei dem u.a. die Staatsministerin für Integration im Bundeskanzleramt, Annette Widmann-Mauz, der Stellvertretende Regierende Bürgermeister, Dr. Klaus Lederer, und die Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli, neben zahlreichen jüdischen und muslimischen Religionsvertreter*innen und dem Begegnungschor auftraten.

 

Erfreulich war die internationale Berichterstattung über die Veranstaltung, die von Washington Post und Fox News in den USA über islamische Medien wie Oumma.com, Medien in Israel wie Arutz Sheva – Israel National News und The Times of Israel bis hin zu Medien in Kambodscha, Thailand, China und Japan reichte. Selbstverständlich wurde auch in Deutschland und Europa darüber ausführlich berichtet. In Deutschland beispielsweise in Fernsehbeiträgen in ARD und ZDF, Berichten in Morgenpost, BZ oder auf Bento, in Frankreich beispielsweise auf Facebookbeitrag auf A+J francais, der knapp 1000 mal geteilt wurde, in UK beispielsweise auf Yahoo News oder auch bei Russia Today.

Aber es ging natürlich nicht nur darum, dass Juden und Musslime gemeinsam symbolhaft für ein friedliches Miteinander in die Pedale treten. Einerseits zeigten Imame und andere muslimische Vertreter*innen, dass sie sich klar gegen Antisemitismus positionieren, und sendeten ein Signal an alle Muslime in der Stadt, dass sich antisemitische Einstellungen nicht mit dem islamischen Glauben vereinbaren lassen. Andererseits hatten die jüdischen Beteiligten und alle, die über die Medien von der Aktion erfuhren, die Chance, sich ein Bild vom Islam und Muslimen zu machen, das den gängigen Stereotypen und der pauschalen Problematisierung widerspricht.

Das Leben draußen: Von Ausgrenzung und Missverständnissen

Eingetragen am 25.04.2017

25. April 2017 | By |

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Die JVA Moabit – Foto: Charles Yunck

 

Das Thema „Ausgrenzung“ aktiviert die Inhaftierten in der Diskussionsrunde erfahrungsgemäß besonders. Sei es, weil sie oft Parallelen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte ziehen oder weil sie sich in ihrer aktuellen Situation ausgegrenzt fühlen. In jedem Falle aber haben Dieter Geuss und Crispin Hartmann bei diesem Thema nicht die Befürchtung, dass es zu eintönig wird und keine richtige Diskussion aufkommen will.

Dieses Mal war es anders: Die Gastgeber waren schon im Vorfeld nervös, ob die Begegnung mit den Inhaftierten trotz aller Aktivität ruhig, sachlich und wertschätzend verlaufen wird. Zu groß sind die Vorurteile, die schon im „Leben draußen“ diesen beiden Gästen entgegengebracht werden. Aber der Reihe nach …

Am 27. März waren Denise* und Ute* die Gäste der Gesprächsrunde in Moabit. Denise Baujahr 1940, Ute gerade 35 Jahre jung. Beide sind Frauen – aber das war nicht immer so. Geboren wurden sie als Männer und jede erlebte auf unterschiedliche Weise, was es bedeuten kann, im falschen Körper geboren worden zu sein.

Denise zeugte als Mann eine Tochter in einer funktionierenden Ehe. Bis die Lebenslüge zu groß wurde und das Internet Antworten auf die vielen quälenden Fragen gab. Endlich auch die Gewissheit: Ich bin nicht allein. Denise hat sich, wie sie heute selbst sagt, dann zwar mit ihrem Weg der Transition gegen den Freitod entschieden, dafür aber die Ehe auf dem Gewissen.

Ute war nach eigenen Angaben bereits als Kind ein Außenseiter. Auch sie lebte ständig mit einer Lüge – stets bemüht, den gesellschaftlichen Konventionen zu genügen. Beide sagen, genau diese Lügen, das Verstellen und das Unterdrücken der eigenen Wünsche ist auf Dauer nicht auszuhalten.

Die Inhaftierten reagierten sehr positiv – viel besser als gedacht (dieses Vorurteil wurde also nicht bestätigt): Kein Anflug von Berührungsängsten, kein betretenes Schweigen oder offene Anfeindungen.  Im Gegenteil: Sie interessierten sich für den schwierigen Weg einer Vornamen- und Personenstandsänderung, fragten nach persönlichen Wünschen einer Schwangerschaft und ließen sich die Reaktionen im persönlichen Umfeld von Denise und Ute schildern. „Ach, und wir dachten immer, du wärst schwul.“ war beispielsweise die Reaktion in der Familie von Denise.

Bei aller Euphorie wurde anhand einer These eines Inhaftierten aber auch klar, wie lang der Weg der Erkenntnis bei allen nicht-queer-Mitmenschen noch ist: Er unterstellte dem homosexuellen Kindergärtner seines Sohnes gleichzeitig pädophile Neigungen – das eine würde das andere ja bedingen.

Zum Ende der Diskussion honorierten die Inhaftierten den Mut unserer Gäste mit Applaus und verbaler Anerkennung. Das vielleicht schönste Kompliment drückte ein Insasse der JVA Moabit so aus: „Bisher habe ich nicht geglaubt, dass so etwas angeboren ist. Ihnen nehme ich das ab. Jetzt glaube ich es!“

*Namen geändert