Image Image Image Image Image Image Image Image Image

Seelsorge

Gespräch in der JVA: Inhaftierte in der Seelsorger-Rolle

Eingetragen am 27.07.2016

27. Juli 2016 | By |

Ein Inhaftierter als Fallgeber für eine Gruppenberatung zum Thema Seelsorge?

Sonja_MüselerDamit hatten auch Dieter Geuss und Crispin Hartmann nicht gerechnet, als sie am 27. Juni die Gesprächsrunde „Das Leben draußen“ in der JVA Moabit fortsetzten. Zu Gast an diesem Tag war Sonja Müseler, die Ausbildungsleiterin der Telefonseelsorge Berlin. In diesem Jahr feiert die Berliner Telefonseelsorge ihr 60-jähriges Bestehen und gilt damit als die älteste ihrer Art in Deutschland. Sonja Müseler ist darüber hinaus noch im Vorstand der Stiftung Telefonseelsorge und Vorstandsmitglied von Leadership Berlin.

Die Menschen, die von Sonja Müseler zu Telefon-Seelsorger*innen ausgebildet werden, verrichten ihren Dienst ausnahmslos ehrenamtlich. Sie werden immer dann von den Berliner*innen angerufen, wenn jemand ratlos, verzweifelt, hilfesuchend, unsicher, ängstlich, wütend, einsam oder auch selbstzerstörerisch ist.

Nichts lag somit näher, als mit Sonja Müseler über die Bedeutung von Motivation im Leben zu sprechen und wie man sich selbst motivieren kann. Anhand von anonymen Beispielen konnte die Expertin anschaulich vermitteln, welche unterschiedliche Themen, Situationen und Charaktere im Gespräch bewältigt werden müssen. Die zwölf Inhaftierten erfuhren dadurch eindrucksvoll von der Motivation der Seelsorger*innen, tagein tagaus diese Krisengespräche zu führen. Darüber hinaus gewährte sie Einblicke in Motivations- und Gesprächsmethoden, die die Seelsorger*innen bei den Anrufer*innen anwenden.

Einer der Gefangenen konkretisierte daraufhin zunehmend seine Fragen zum Umgang mit spezifischen Krisensituationen und -verhalten. Wie sich herausstellte, wendet ein Mitgefangener sich regelmäßig hilfesuchend an ihn. Sonja Müseler gab in einer ausführlichen Diskussionssequenz mit den Inhaftierten wertvolle Tipps zur Beratung des Mitgefangenen, zeigte aber auch klar die Grenzen der Hilfe auf.

Am Ende der Gesprächsrunde gab es dann noch eine ganz besondere Begegnung: Zur Verabschiedung berichtete ein Häftling stolz von der ersten Auseinandersetzung seines Lebens, bei der er selbst nicht tätlich wurde, obwohl er angegriffen und verletzt wurde. Auf der Krankenstation der JVA Moabit fühlte er sich zunächst als Verlierer – realisierte anschließend aber den Wert seines passiven Verhaltens. „Und das habe ich auch aus den Gesprächsrunden hier mitgenommen.“