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Vertretungsstunde: Chefärztin der Chirurgie

Im Rahmen unseres Projektes „Vertretungsstunde“ besuchen Führungskräfte die Neuköllner Zuckmayer-Oberschule und geben dort in einer neunten Klasse auf der Basis ihrer Erfahrungen aus der beruflichen Praxis einmal monatlich eine doppelte Unterrichtseinheit.

Diesmal als Vertretungslehrerin zu Gast: Dr. Güllü Cataldegirmen

„Wer sind Ihre Vorbilder?“

Dr. Güllü Cataldegirmen beginnt die Stunde mit Fragen an die Schülerinnen und Schüler: Woher kommen ihre Eltern, welche Sprachen sprechen sie? Über sich sagt sie vorerst wenig und lässt raten – von Steuerberaterin über Erzieherin bis Psychologin reichen die Ideen, was sie beruflich machen könnte. All diese Tätigkeiten haben mit Menschenkenntnis zu tun, etwas, das sie täglich braucht, bestätigt sie und verrät, dass sie als Chefärztin die Chirurgie des Wenckebach- und des Auguste-Viktoria Klinikums leitet.

Hier führt sie Operationen bei Tumorpatienten durch und ist verantwortlich für ein großes Team. Damit gehört sie zu den wenigen Frauen in ihrer Position, 98 % der Chefärzte sind Männer. Für die Stunde in der Schule hat sie einen Operationstermin verlegt. „Menschen und Jugendliche interessieren mich. Ich möchte wissen, was ihre Themen sind, welche Probleme sie haben. Daher bin ich heute hier. Vielleicht kann ich auch Anregungen bieten oder Mut machen“, fasst sie zusammen.

Ein großer Teil der Schüler spricht türkisch, das ist neben kurdisch auch Güllü Cataldegirmens Muttersprache. Vor über vierzig Jahren kam sie in das geteilte Berlin. Mit sieben sah sie im Fernsehen Kinder aus der Dritten Welt, die dringend Hilfe brauchten. Ihr Entschluss stand fest: Sie wollte Verantwortung übernehmen und als Ärztin Menschen helfen. Der Weg dorthin war nicht einfach, zumal nur wenige Frauen mit ausländischen Wurzeln ihn einschlugen und ihre Eltern sie finanziell wenig unterstützen konnten. Doch besonders ihr Vater habe sie immer bestärkt, ihren Traum wahr werden zu lassen, sagt sie.

Die Ärztin erkundigt sich nach den Berufswünschen. Jurist möchte einer der Jungen werden. Er hatte schon einmal mit einem Anwalt zu tun, dessen Arbeit hat ihn beeindruckt. „Autohändler“, sagt ein anderer und fragt sogleich, welchen Wagen Güllü Cataldegirmen fährt. Dass es „nur“ ein Smart ist, erstaunt, denn ihr Verdienst würde doch sicher für etwas Größeres reichen. Als es um Automarken geht und etwas unruhig wird, stellt die heutige Vertretungslehrerin klar: „Ich rede nur, wenn mir auch zugehört wird“.

Sie fragt die Jugendlichen, wie sie ihren Tag verbringen, nach ihren Hobbys und was sie sich für die Zukunft erträumen. Ein Mädchen wünscht sich Geschwister, ein anderes dagegen hat schon sechs und winkt ab. Allen gemeinsam ist, dass sie später genügend verdienen wollen, um einer Familie etwas bieten zu können – eine schöne Wohnung, ein Auto und Urlaubsreisen. „Man muss an seinen Wünschen dranbleiben und nicht aufgeben. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür und ich hoffe, dadurch motivieren zu können“ sagt Güllü Cataldegirmen.

Welche Vorbilder haben die Schüler, wie möchten sie sein? Mike Tyson und Don Corleone werden genannt. Einer, der sich nach oben geboxt hat und eine mächtige Filmfigur – gemeinsam ist ihnen, dass sie aus ärmlichen Verhältnissen kommen und heute berühmt sind. „Sie alle hier sind in der Lage, etwas aus sich zu machen, egal, ob Sie Polizist oder Jurist werden möchten. Es kommt auf den Einsatz an. Wenn Sie Ihr Ziel erreichen wollen, müssen Sie bereit sein, viel dafür zu tun. Die Wünsche und die Realität stimmen manchmal nicht überein. Dafür stellt sich oft heraus, dass der Weg das Ziel ist“, rät Güllü Cataldegirmen.

Sie möchte mithelfen, Möglichkeiten aufzuzeigen und das ganz konkret: Sie lädt die Klasse ein zu einem Besuch an ihrem Arbeitsplatz, dem Krankenhaus. Eine tolle Gelegenheit, mehr über Berufe zu erfahren!