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“Das Leben draußen” – Gespräch mit Inhaftierten über Verantwortung

Ist Verantwortung gleichzusetzen mit Verantwortlichkeit? Wie viel Verantwortung kann ich abgeben? Wie schwer wiegt Verantwortung, wenn es um Leben und Tod geht?

Wrede_FriedrichMit Dr. Friedrich Wrede als Gast beleuchteten Dieter Geuss und Crispin Hartmann gemeinsam mit den Inhaftierten der JVA Moabit diese und viele andere Fragen zum Thema Verantwortung zunächst aus der Perspektive eines Humanmediziners. Als ehemaliger Leiter der Unfallchirurgie im DIAKO Krankenhaus Flensburg war Dr. Wrede bis 2006 oft gefordert, schnelle oder grundlegende Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen zu treffen.

Verantwortung meint einerseits die Pflicht, dafür zu sorgen, dass (in bestimmten Situationen) das Notwendige und Richtige getan wird und kein Schaden entsteht. Andererseits aber auch die Verpflichtung, für seine Handlungen einzustehen und ihre Folgen zu tragen, sollte es doch zu einem Schaden gekommen sein.
Exakt diesen Gesprächsbogen spannten wir in den 90 Minuten auf und ernteten am Ende auch noch den Applaus der Gefangenen.

Dr. Wrede beschrieb eingangs, wie man als Arzt an die Verantwortung herangeführt wird. Alles beginnt mit einer umfangreichen Ausbildung, dann assistiert man zunächst bei Operationen, führt später selbst kleinere Eingriffe durch um schlussendlich selbst der verantwortliche Operateur im Saal zu sein. Die Verantwortung – als Arzt wie auch im richtigen Leben – kommt nicht auf einen Schlag. Jeder wird, mehr oder weniger schnell, an sie herangeführt.

Zunehmend aber, so Dr. Wrede, wird die Verantwortung abgegeben: Entschieden früher häufig die Mediziner, wann welcher Eingriff noch sinnvoll, lebensverlängernd und lebenswerterhaltend ist, so wird diese Verantwortung mittlerweile auf die Patienten übertragen. Der Arzt klärt richtigerweise umfangreich über mögliche Erfolgs- und Heilungschancen sowie die Risiken und Nebenwirkungen einer OP auf – die Entscheidung für oder gegen den Eingriff aber trifft der Patient. Kommt es dann zu so genannten “Kunstfehlern”, so entscheiden in der Regel die Krankenhaus- und Patientenanwälte über den Grad der Verantwortung. Das erschwert dem Arzt die Verantwortung zur Wahrheit.

Insbesondere die Ehrlichkeit und offene Art von Dr. Wrede beeindruckte die Inhaftierten nachhaltig. Er gestand Fehler ein, übernahm dafür seinerzeit aber die Verantwortung und berichtete von seinen inneren Konflikten bei schwierigen Entscheidungen. Einige Inhaftierte versicherten daraufhin glaubhaft, auch für ihre Fehler nun die Verantwortung übernehmen zu wollen.

Zum Abschluss berichtete Dr. Wrede über sein derzeitiges ehrenamtliches Engagement im Bundesverband von Seniorpartner in School (SiS) e.V. als 1. Vorsitzender. Bei SiS werden Senior*innen zu Mediator*innen ausgebildet, die in Schulen den Kindern und Jugendlichen helfen, ihre Konflikte gewaltfrei zu lösen. “Im Grunde”, so Friedrich Wrede, “bringen wir den Schülerinnen und Schülern in gewisser Weise auch Verantwortung bei.” Auf seine Frage, ob denn SiS als hilfreich angesehen wird, antwortete ein Inhaftierter: “Wäre damals jemand von SiS da gewesen, dann wäre ich nicht hier gelandet!“