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Juni 2021 - Leadership Berlin

Programmtag zum Thema “Mut zur Vielfalt” am 17. Juni

Eingetragen am 25.06.2021

25. Juni 2021 | By |

„Mut zur Vielfalt – dem anderen begegnen“ unter diesem Motto stand der (nachgeholte) sechste Programmtag unseres Leadership Programms 2020, zu dem wir endlich wieder physisch zusammen kommen konnten. Vielfalt bzw. „Diversity“ ist in heutiger Zeit mitunter zum Modebegriff geworden. Dabei geht teilweise unter, dass Vielfalt in der Zusammensetzung in Entscheidungsgremien wie auch in der Gesellschaft als Ganzes allen auch einiges abverlangt. In diesem Sinne kamen wir am 17. Juni zunächst in der Dar-as-Salam-Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte) zusammen, wo die Teilnehmenden unseres Jahresprogramms mit dem Imam und Vorsitzenden der Moschee, Imam Mohamed Taha Sabri, der dortigen Verwaltungsmitarbeiterin Abier Alsaman und der Gründerin und Geschäftsführerin der Deutschen Islam Akademie, Pinar Cetin, über Islam in Deutschland, das Verständnis von Integration und insbesondere über das Tragen von Kopftuch sprachen. Dieser Aspekt war insofern besonders spannend, da Abier Alsaman und Pinar Cetin aus Betroffenenperspektive eine gänzlich andere Sichtweise boten als Prof. Dr. Godula Kosack, Vorstandsvorsitzende von Terre de Femmes, die ein Kopftuchverbot an Schulen bis zum 18. Lebensjahr fordern, und mit der die Teilnehmenden am letzten Programmtag zusammentrafen.

Ob und inwieweit in Deutschland lebenden Menschen abverlangt werden kann und darf, ein religiöses Symbol abzulegen und inwieweit es mitunter Benachteiligung und Gefährdung nahelegen, darüber sprachen wir im zweiten Teil des Gesprächs, zu dem Rabbiner Walter Rothschild hinzukam, der schon häufiger in der Neuköllner Begegnungsstätte zu Gast war und mit Taha Sabri zum ersten Mal in einer gemeinsamen Rikschafahrt bei der von uns organisierten meet2respect-Tandemtour 2018 zusammenkam. Dass Taha Sabri als Imam einer mehrheitlich von Palästinensern besuchten Moscheegemeinde sich immer wieder gegen Antisemitismus positioniert hat, häufiger Rabbiner in der Moschee zu Gast waren oder er sich auch beim der meet2respect-Tandemtour oder bei „Berlin trägt Kippa“ beteiligt hat, stieß übrigens nur bei Teilen der Gesellschaft auf Anerkennung. Imam Taha Sabri stellte dar, dass er sich sowohl aus dem palästinensischen und islamistischen Bereich wie auch aus Teilen der Mehrheitsgesellschaft, einigen Medien und Teilen der jüdischen Community  mitunter immer wiederkehrender Angriffe ausgesetzt sieht. Von der einen Seite sieht er sich Vorwürfen ausgesetzt, ein Verräter zu sein. Von den anderen wird ihm unterstellt, er sei ein sich auf Täuschung verstehender Anhänger der Muslimbruderschaft. Er habe den Eindruck, dass gerade junge Menschen sich von seiner Gemeinde abwenden, da sie aufgrund der immer wiederkehrenden Vorwürfe und Unterstellungen so frustriert sind, dass sie zu dem Schluss kommen, sein Kurs der Offenheit und des Dialoges in dieser Gesellschaft bringe nichts.

Rabbiner Walter Rothschild stellte aus seinen Sicht dar, wie sehr antisemitische Angriffe auf Kippa-Träger, antisemitische Verschwörungstheorien (unter denen er aufgrund seines Nachnamens besonders betroffen ist) und Pauschalisierungen gegenüber Juden und Muslimen eingebettet sind in eine von in der Natur des Menschen liegende allgemein feststellbare Ablehnung von „Andersartigkeit“. Diese habe es in der Geschichte und unter unterschiedlichsten Vorzeichen (auch zwischen Katholiken und Protestanden) fast immer gegeben.  Mit Imam Taha Sabri war er sich einig, dass es ein nicht unerhebliches Problem des Antisemitismus insbesondere bei aus arabischen Nachbarstaaten nach Deutschland gekommenen Muslimen gib. Befremdlich finde er aber, wie sehr dieser „importierte“ in der öffentlichen Diskussion Antisemitismus betont werde. 

Rabbiner Walter Rothschild und Imam Taha Sabri waren sich außerdem mit den Teilnehmenden des Leadership Programms einig, dass es weder Nogo-Areas für Juden mit Kippas noch für Muslima mit Kopftuch geben dürfe. In diesem Sinne machten zahlreiche Teilnehmende von dem Angebot Gebrauch, in Anknüpfung an die von der Jüdischen Gemeinde ausgerichtete Veranstaltung „Berlin trägt Kippa“ den 20 minütigen Fußweg zu unserem Veranstaltungsort des Nachmittags, dem Ernst-Abbe-Gymnasium in der Sonnenallee, sich solidarisch mit Rabbiner Walter Rothschild eine Kippa aufzusetzen. Vermutlich ist es in Neukölln noch nicht oft vorgekommen, dass eine Kippa tragende Gruppe durch die Straßen wandert. Die Kippa-Träger berichteten, dass von den allermeisten Passanten davon in keiner besonderen Weise Notiz genommen wurde, lediglich einzelne stellten neugierige und in einem Fall auch aggressive Blicke fest. Das heißt natürlich nicht, dass das Tragen einer Kippa als gänzlich unbeschwert bewertet werden kann, wie die polizeilich erfassten 2.275 antisemitischen Straftaten im Jahr 2020 zeigen.

Auch am Nachmittag des Programmtags ging es um das Thema Vielfalt. Die Teilnehmenden hatten Gelegenheit, beispielsweise mit Patricia Carl, Vorsitzende des Bundesverbands Kleinwüchsiger und ihrer Angehörigen oder mit Andrea Schmitt, Trans*Frau und Sprecherin der TransSisters über ihre Erfahrungen im Hinblick auf ihre „Andersartigkeit“ im privaten, beruflichen und öffentlichen Leben zu sprechen. Wie geht man damit um, angestarrt zu werden, wie tolerant ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern (in denen es z.B. schon seit Generationen üblich ist, dass auch Kleinwüchsige Kinder haben) – es waren sehr intensive Gespräche, die mitunter wie die vorherigen unter die Haut gingen und Einblicke gewährten, die viele Teilnehmende bislang nicht hatten. Nicht weniger intensiv war der Austausch mit kognitiv hochbegabten Mitgliedern des Vereins Mensa, für dessen Mitgliedschaft der IQ über dem von 98% der Bevölkerung liegen muss. Warum können nicht alle ihre Talente in Bildungs- und Berufsleben einbringen, wie können Organisationen und Unternehmen mit Menschen mit dieser Norm-Abweichung besser umgehen, dies waren einige Fragen, die in den rotierenden Tischgesprächen diskutiert wurden.

Wir als Leadership Berlin fassen unter den Begriff der Vielfalt nicht nur die „gängigen Diversity Aspekte“ des AGGs, sondern nehmen auch Meinungsvielfalt in den Blick. Der Austausch mit Wolfgang Schmidt, ehemaliger Oberstleutnant des MfS und heutiger Geschäftsführer des Vereins ehemaliger hauptamtlicher MfS-Mitarbeiter, ISOR, bot dazu eine Gelegenheit. Der Austausch bot Einblicke in die Innenperspektive eines Ministeriums, dessen Aufgabe u.a. darin bestand, abweichende Meinungen, bzw. Meinungsvielfalt zu bekämpfen. In erstaunlich offener Atmosphäre bot das Gespräch den Raum, Ideologie und den Umgang mit Andersdenkenden im Hinblick auf die DDR zu reflektieren und mit der heutigen Gesellschaft in Bezug zu setzen.

Alles in allem ein aufwühlender Tag, in dem die Auseinandersetzung mit Vielfalt nicht nur abstrakt besprochen, sondern in konkreten Begegnungen und Erfahrungen erlebt und im Anschluss reflektiert wurde. Es wurde deutlich, wie viel anspruchsvoller Führung heute unter Einbindung der unterschiedlichsten Vielfalts-Aspekte zu früheren Jahrzehnten ist, als Entscheidungsgremien im Hinblick auf Geschlecht, Alter, politischen und kulturellen Hintergrund noch eher homogen waren.

Vielfalt zuzulassen und einzubringen bedingt auch die Fähigkeit, Kritik zuzulassen und einbringen zu können. Vielfalt ist kein Selbstläufer und kein Selbstzweck – der Blick und Umgang mit Vielfalt muss, kann und sollte immer wieder reflektiert und erweitert werden. Wir freuen uns, den teilnehmenden Führungskräften mit unserem Programmtag dazu Erkenntnisse, Anknüpfungspunkte und Mut vermittelt zu haben.