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Landeszentrale für politische Bildung Archive - Leadership Berlin

Das Leben Draußen – politische Bildung im Strafvollzug

Eingetragen am 16.11.2021

16. November 2021 | By |

In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung bringt Leadership Berlin regelmäßig Berliner Führungskräfte mit straffälliggewordenen Frauen, die in der sozialtherapeutischen Anstalt (SothA) inhaftiert sind, zu gesellschaftspolitischen Themen und Fragestellungen in den Austausch.

v.l.n.r.: Klaus Baumeister, Rechtsanwalt und mitwirkender Jurist in dem Projekt Das Leben Draußen; Sabine Hüdepohl, betreuende Psychologin und Einrichtungsleiterin der SothA; Ruth Eichholz, Mitarbeiterin der SothA; Andreas Scholz-Fleischmann, stellv. Aufsichtsratsvorsitzender bei S.O.S Kinderdörfer

Nach einer längeren Projektpause, die zum einen den Corona-Schutzmaßnahmen, gleichzeitig aber auch den Umbaumaßnahmen in der Sozialtherapeutischen Anstalt Neuköllns geschuldet war, fand der erste Anschluss-Termin in der vorübergehenden Unterbringung (bis zur Fertigstellung der Baumaßnahmen) in der JVA für Frauen in Reinickendorf statt.

Auf Wunsch der Frauen (bei Erstellung der Projektskizze noch in etwas anderer Zusammensetzung), war auch das sehr weit gefasste gesellschaftliche Thema “Familie” auf die Agenda gesetzt worden. Ein Thema, das für die meisten Inhaftierten kein unbefangenes ist. Einen ersten Termin hatte es dazu bereits gegeben: Ali Fahimi, stellv. Referatsleiter im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte mit den Frauen einen emotionalen Austausch über staatliche Familienhilfe. Besonders im Nachgang zu dem Termin gab es unter den Frauen noch viel Gesprächsbedarf.

Die Diskussion sollte um die Non-Profit Perspektive ergänzt werden. Dazu berichtete Andreas Scholz-Fleischmann, stellv. Aufsichtsratsvorsitzender bei S.O.S. Kinderdörfer über die Arbeit des Vereins. Ergänzt wurden seine Ausführungen durch einen juristischen Input von Klaus Baumeister. Bemerkenswert ist, dass ein Teil der Frauen selbst Inobhutnahmen erlebt hat und in Pflegefamilien groß geworden ist, fast alle haben selber Kinder, die während ihrer Inhaftierung bei anderen Menschen leben. Die Frage nach der Feststellung und Bewertung des Kindeswohls ist in diesem Kreis also keine rein gesellschaftspolitische, sondern gleichzeitig eine ganz persönliche.

Viele Frauen zeigten sich beindruckt von dem Engagement, dass die Kinderdorf-Mütter mitbringen. So fühlte sich sogar eine Frau im Rentenalter inspiriert, nach ihrer Entlassung zum Ende des Jahres eine ehrenamtliche Tätigkeit aufzugreifen und sich so in die Gesellschaft einzubringen.

Wir danken Andreas Scholz-Fleischmann und Klaus Baumeister für die spannende Einblicke und Sabine Hüdepohl und Ruth Eichholz für die Organisation. Besonders möchten wir auch den Frauen für ihre Offenheit und das Interesse danken.

Politische Bildung im Strafvollzug: Antidiskriminierungsarbeit

Eingetragen am 23.03.2020

23. März 2020 | By |

In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung bringt Leadership Berlin am vierten Montag des Monats eine Führungskraft aus unserem Netzwerk mit inhaftierten Frauen der Sozialtherapeutischen Anstalt der JVA für Frauen in Neukölln ins Gespräch. Unterstützung finden die jeweiligen Referenten durch einen juristischen Input zum jeweiligen Tagesthema durch unser Mitglied Klaus Baumeister, Rechtsanwalt.

Derviş Hızarcı , Antidiskrimierungsbeauftragter der Senatsverwaltung für Bildung

Bei der Konzeptbesprechung des Projekts wurden die inhaftierten Frauen gefragt, welche politischen und gesellschaftlichen Themen sie am meisten interessieren. Eine der ersten Antworten war: Diskriminierung. So lag es nicht fern, Derviş Hızarcı, Antidiskriminierungsbeauftragter der Senatsverwaltung für Bildung und Vorstandsvorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (und Alumni unseres Leadership Programms 2018), als Referenten einzuladen.

“Was ist Diskriminierung”, lautete seine Einstiegsfrage an die Frauen, die sogleich feststellten, wie vielschichtig das Thema durch die verschiedenen Ebenen der strukturellen oder institutionellen, individuellen oder sprachlichen Diskriminierung ist. Das warf neue Fragen auf: Welche Rolle spielen Vorurteile und wer kann eigentlich wen diskriminieren? Begünstigen Friedenszeiten eine stärkere Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Missständen, wie bspw. Rassismus? Führt eine Liberalisierung des Staates dazu, dass Diskriminierung sich ins Private verschiebt?

Mit Erlassung und Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes 2006 wurde ein rechtlicher Rahmen geschaffen, der die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte in Hinblick auf die Antirassismusarbeit, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die LGTBIQ Community und weitere Bereiche nicht nur wertschätzt und manifestiert, sondern auch die Weichen für weitere Durchbrüche stellt. Doch wie steht es um Benachteiligungskriterien, die nicht im AGG auftauchen? Wie schwierig es ist, soziale Benachteiligung auszugleichen, berichtete eine Inhaftierte aus eigener Erfahrung. Sie habe – trotz Ausgleichszahlungen für Hartz IV Familien – nie mit auf Klassenfahrt fahren können und sei so als Kind von sozialen Aktivitäten ausgeschlossen gewesen. Das Antragsverfahren habe ihre Mutter abgeschreckt und sie habe noch nicht die Eigenständigkeit gehabt, selbst aktiv zu werden.

Einen weiteren Bogen zur Lebensrealität der Frauen schlug Klaus Baumeister mit seinem juristischen Input, der sich der Frage widmete, welche Herausforderungen verurteilte Straftäter*innen beim (Wieder-)Einstieg in die Berufswelt zu erwarten haben. Mit konkreten Hinweisen zu Rechten und Pflichten bei Bewerbungsgesprächen, gab er den Frauen einige praktische Tipps für aktuelle und zukünftige Situationen mit auf den Weg. „Stellen Sie sich mal vor, Sie wären die Chefin eines Unternehmens und erhalten 50 Bewerbungen. Nach welchen Kriterien würden Sie einstellen?“, lud der studierte Politik- und Geschichtslehrer Derviş Hızarcı die Frauen zum Perspektivwechsel ein und entfachte damit eine intensive Diskussion über die Qualität verschiedener Straftaten, die Vorzüge erschlagender Ehrlichkeit oder dezenter Zurückhaltung und nicht zuletzt über die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*in bestenfalls gestalten sollte.

Wir danken der Landeszentrale für politische Bildung für die Unterstützung des Projekts, der SothA Neukölln und insbesondere der Leiterin Sabine Hüdepohl für die Zusammenarbeit, den Referenten Derviş Hızarcı und Klaus Baumeister für die anregenden Einblicke und allen Teilnehmerinnen für das rege Interesse.